Golden Week

Reiseroute:
郴州 Chenzhou (28.09.-30.09.)
贺州 Hezhou (30.09.-02.10.)
阳朔 Yangshuo (02.10.-04.10.)
桂林 Guilin (04.10.-05.10.)
南昌 Nanchang (05.10.-06.10.)


Die sogenannte „Golden Week“ ist wohl neben dem chinesischen Neujahr die zum Reisen ungeeignetste Zeit. Das hielt mich allerdings nicht davon ab, meine sieben Sachen zu packen und auf eine sehr spontane Art und Weise China zu erkunden.

Am 1. Oktober 1949 wurde die Volksrepublik China gegründet, das bedeutet dieses Jahr feiert sie ihr 70-jähriges Jubiläum. Der Nationalfeiertag bringt jedes Jahr nicht nur Feuerwerk und Flaggen soweit das Auge reicht mit sich, sondern auch eine ganze Woche Ferien für Jung und Alt. Demzufolge ist zu dieser Zeit ganz China in Aufbruchstimmung, es ist eine der wenigen Chancen die weit entfernt wohnende Familie zu besuchen oder innerhalb Chinas zu reisen. Zugtickets sind meist schon Wochen im Voraus ausgebucht und auch mit Hotels tut man sich in den beliebtesten Städten schwer. Aufgrund des diesjährigen Jubiläums gab es in den Großstädten besonders viele Veranstaltungen, die am meisten Aufsehen erregendste war wohl die große Militärparade in Beijing. Von all dem Trubel habe ich aber nicht viel mitbekommen, denn um die von Touristen überlaufenen Attraktionen zu meiden, habe ich mich mit drei anderen Stipendiaten der Studienstiftung auf die Reise in etwas unbekanntere Städte mit umso schönerer Natur gemacht. Beschäftigt wie wir alle waren, haben wir im Vorhinein eigentlich nur auf sehr grober Internetrecherche aufbauend eine Reisestrecke ausgesucht und uns darauf konzentriert, noch die letzten verfügbaren Zugtickets für Hin- und Rückreise zu ergattern. Es zog uns weiter in den Süden Chinas, in die beeindruckende Berglandschaft der Provinz Guangxi. Meine drei Mitreisenden studieren an der Nanjing Universität, welche ein ganzes Stück nordöstlich von Wuhan liegt und nach viel Herumprobieren mit den Zugverbindungen beschlossen wir schließlich, unsere Reise im Süden der Provinz Hunan zu beginnen, wo wir uns zum ersten Mal seit dem zweiten Sprachkurs in Tier wiedersehen würden. Abgesehen von den Hotels in unserem ersten und letzten Stopp hielten wir uns alle Optionen offen und hofften darauf, vor Ort irgendwelche Busverbindungen vorzufinden. Ich muss sagen, diese doch sehr spontane Art zu reisen, gefällt mir wirklich gut. Und, soviel nehme ich schon einmal vorweg, es hat erstaunlich gut funktioniert.

Samstag, 28.09.19

Am Morgen des 28.9. stellte ich mein Rad an der Metrostation ab und machte mich auf den gut einstündigen Weg zum Wuhan Bahnhof. Mein Ticket hatte ich schon zwei Tage zuvor direkt am Bahnhof gekauft, sodass ich die an den Schlangen der ticketabholenden Reisenden vorbeigehen und mich den Pass- und Sicherheitskontrollen unterziehen konnte. Mein Pass liegt derzeit zu Zwecken der Ausstellung einer Aufenthaltserlaubnis im Wuhan Citizens Home, doch nach einigem Hin und Her konnte ich beim International Student Office den Beleg zurückergattern, der einem Pass gleichgestellt ist. Auf meiner Reise wurde ich tatsächlich nie schief angeguckt, als ich dieses Stück Papier vorlegte, die meisten Chinesen waren wohl eher froh über die chinesischsprachigen Informationen und den offiziellen roten Stempel. Etwas über zwei Stunden fuhr ich im Schnellzug mit 306 km/h durch Berg und Tal und fühlte mich dabei eher an ein Flugzeug erinnert, mehr aufgrund des Service und der allgemeinen Aufmachung als wegen der Geschwindigkeit. Am witzigsten fand ich die Videos mit kleinen Fitness- und Dehnübungen, die auf den Bildschirmen zum Mitmachen aufriefen. Unser erster Reisestopp führte uns in die kleine 4 Millionen-Stadt Chenzhou (郴州) im Südosten der Provinz Hunan. Ich fühlte mich dort sofort ein wenig an Yunnan erinnert, vor allem die begrünten Berge und die Aufmerksamkeit, die man als weit und breit einziger Ausländer bekam, riefen Erinnerungen an mein Jahr in Yongping zurück. Im nicht besonders modernen, aber dafür billigen Hotel (48 Yuan = 6 Euro pro Doppelzimmer pro Nacht) angekommen, traf ich endlich Merete und Rebecca, die über Nacht mit einem langsamen Zug von Nanjing aus gekommen waren. Die vierte im Bunde, Johanna, würde erst am nächsten Tag zu uns stoßen. Während ich an der Rezeption eincheckte, gesellte sich ein junger Mann zu uns, der anbot, uns ein wenig in seiner Heimatstadt herumzuführen, also tauschten wir sofort unsere WeChat Kontakte aus und verabschiedeten uns bis später irgendwann. Nachdem sich Merete, Rebecca und ich am Busbahnhof Tickets für die Weiterfahrt nach Hezhou (贺州) für Montag, den 30.9. gesichert hatten und uns ziellos in der Stadt herumlaufen zu langweilig wurde, schrieb ich also unseren Freund aus dem Hotel an und kurze Zeit später stiegen wir zu ihm und einem Freund ins Auto. Bevor jetzt die Zeigefinger gehoben werden: zu Fremden ins Auto steigen klingt erstmal nicht nach der besten Idee, aber in China kommt es nach meiner Erfahrung oft darauf an, die Situation vernünftig einzuschätzen und sich auf spontane Einladungen auch einzulassen, denn daraus entstehen nicht selten die besten Erfahrungen und Freundschaften. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wir sind also zu fünft zu einem kleineren Berg in der Stadt gefahren, dessen Aufstieg uns dennoch einige Zeit und Schweiß gekostet hat. Oben angekommen, wurden uns die Spezialitäten Chenzhous serviert: 凉粉 (stärkehaltiger Wackelpudding in weiß oder schwarz mit Zucker drauf) und 酸萝卜 (eingelegter Rettich), beides ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber mir hat es gut geschmeckt. Ich war erstaunt, wie gut ich mich trotz lokalem Dialekt mit unseren chinesischen Freunden verständigen konnte und auch wenn ich den größten Teil der Kommunikation übernommen habe, ermutigte ich auch meine Mitreisenden, ihr Chinesisch auszutesten. Müde und erschöpft von unserem ersten Reisetag ließ ich mich im Hotel auf das harte Bett fallen, aber nicht bevor ich vergeblich das Mückengitter zu schließen versuchte, welches mir daraufhin entgegenfiel. Ach, Mückenstiche sind hier ohnehin mein ständiger Begleiter.

Sonntag, 29.09.19

Weiter ging es am nächsten Morgen zu einem großen See in der Nähe von Chenzhou, von dem alle so schwärmten, dass wir sogar die zweistündige Busfahrt dorthin auf uns nahmen. Johanna, die mittags mit dem Zug ankommen sollte, rieten wir, einfach den Rauchzeichen zu folgen, denn tatsächlich fuhren wir mit dem Bus nur wenige Meter an einem Feuer vorbei, welches vom Haus schon auf die Bäume übergesprungen war. Die Feuerwehr war uns allerdings dicht auf den Fersen. Während wir noch rätselten, wie wir die von der Bushaltestelle aus übrigen 13 km bis zum See kommen sollten, hupte uns schon ein vorbeifahrender kleiner Reisebus an, der uns tatsächlich bis an den See brachte. Man schien uns irgendwie anzusehen, dass wir Touris waren. Der See hinter dem großen Staudamm sollte wohl Trinkwasserqualität haben, aber während ich dieser Angabe nicht ganz traue, kann ich die Qualität des frischen Fisches nur bezeugen. Knusprig gebraten mit einer vernünftigen Menge Chili hat mich dieser Fisch so sehr begeistert, dass er es auf Platz 2 meiner Liste des besten Fischs Chinas geschafft hat, gleich hinter dem Yongping Fisch, welcher ungeschlagen an der Spitze steht. Selbst dass mir gleich zweimal eine kleine Gräte im Hals stecken blieb, konnte meine Begeisterung nur wenig mildern. Die Sonne im Gesicht, den Wind in den Haaren, auf einem Kutter über den See tuckernd und dabei noch neue Bekanntschaften mit den chinesischen Touristen schließen, was braucht es mehr im Urlaub. Nur die Tragweise einer Schwimmweste schien nicht allen Mitfahrern geläufig. Das Boot setzte unsere kleine Gruppe schließlich an einer Hängebrücke zwischen zwei Inseln ab, welche wir zu Fuß überquerten und mir dabei schon etwas brüchig vorkam. Aber wie wir später beobachteten, kann man diese Brücke anscheinend auch mit einem Motorrad überqueren. Ich möchte nicht ausschließen, dass dies der Grund für den Zustand der Brücke ist. Mit Mandarinen und noch mehr Fisch im Magen saßen wir am Ufer und warteten darauf, dass uns das nächste Boot wieder abholte. Einer der chinesischen Touristen zeigte uns währenddessen ein Video von einer Landschaft unweit des Sees, welche die Familie am Morgen besichtigt hatte und uns so beeindruckte, dass wir trotz vehementen Einwänden seinerseits beschlossen, die Fahrt zu wagen. Im Wettlauf gegen den Sonnenuntergang erreichten wir unser Ziel und konnten gerade noch einen Blick über die merkwürdigen Landschaftsformen gleiten lassen, der uns über alle Maßen ins Staunen versetzte, bevor das letzte Licht von den Bergen verschluckt wurde und wir uns im Finstern auf den Rückweg machten. Im Hotel trafen wir endlich auf Johanna, doch zu einem Abstecher ins KTV mit unserem Freund vom Vortag konnten wir sie leider nicht mehr überzeugen. Von Chinas KTV Kultur kann sich Deutschland in meinen Augen gerne eine Scheibe abschneiden, denn es gibt keine spaßigere Art, feiern zu gehen, zumindest wenn man gerne singt und auch weniger begabten Sängern zuhören kann. Im KTV hat man einen eigenen Raum für seine Gruppe, der mit reichlich Snacks und Bier, einem großen Bildschirm und Mikros sowie einer großen Auswahl an Karaoke Songs ausgestattet ist. Die Schnittmenge der verfügbaren englischsprachigen Songs und der mir bekannten Songs war leider nicht besonders groß, doch auch mit ABBA, High School Musical und Tokio Hotel lässt sich ein Abend gut verbringen. Das Trinkspiel mit den Würfeln habe ich nicht vollends durchblickt und dass das Bier nur 2,5% hatte, war wohl mit Blick auf die Busfahrt am nächsten Morgen keine schlechte Sache. Schon mussten wir uns also wieder von Chenzhou und unseren neuen Freunden verabschieden, ich wäre gerne noch länger geblieben, doch es gab noch so viel mehr zu sehen. Ich bin mir sicher, dass mich mein Weg eines Tages wieder in diese gemütliche Stadt führen wird.

Montag, 30.09.19

Von nun an ging der wirklich ungeplante Teil der Reise los. Während der sechsstündigen Busfahrt nach Hezhou machten wir uns erstmals Gedanken darüber, auf welchem Weg wir uns nach Guilin (桂林) bewegen wollten, wo wir spätestens Freitagabend ankommen mussten, um von dort den Zug nach Nanchang (南昌) zu nehmen. Uns blieben also genau vier Tage, welche wir nun versuchten, auf die ca. 200 km lange Strecke aufzuteilen. Als wir schließlich in Hezhou ankamen, hatten wir uns auf noch nicht viel mehr einigen können, als die nächste Nacht in einem Hotel nahe dem Busbahnhof zu verbringen und erst einmal Stadt und Umgebung zu besichtigen. Im Hotel konnten wir den Chef davon überzeugen, uns zu viert in ein Zimmer mit zwei 1,20er Betten zu lassen, wodurch unser voriges Hotel nicht nur in der Ausstattung, sondern auch im Preis geschlagen wurde (20 Yuan pro Nacht pro Person). Da standen wir nun, umgeben von einer atemberaubenden Landschaft, welche allein uns bewegt hatte, die Reise nach Guangxi anzutreten und wir konnten mit dem Staunen gar nicht mehr aufhören. Ein Berg war beeindruckender als der nächste, wie sie dort einzeln in den Himmel ragten, grün bewachsen und in so greifbarer Nähe, dass ich keinen sehnlichsteren Wunsch verspürte, als auf die Berge zuzulaufen und bis auf den Gipfel zu wandern. Den anderen muss es ähnlich ergangen sein, denn wir suchten uns vier Hellobikes, die überall in der Stadt verteilten Leihfahrräder von Alipay, und fuhren damit bis an den Rand des für die Fahrräder zugelassen Gebiets, nur um von dort zu Fuß weiter auf die Berge zuzusteuern. Durch Felder, Dörfer und schmale Straßen führte uns unser Weg, vorbei an Bauern, die auf der Straße ihre Mandarinen verkauften, an Kindern, die uns von ihrem Fahrrad aus „Hello!“ und „Nice to meet you!“ zuriefen. Wir trafen auf eine traditionell festlich gekleidete Versammlung, die sich nach höflichem Nachfragen als Beerdigung herausstellte. Ich unterhielt mich derweil mit einigen Kindern, die mir freudig erklärten, wo wir am besten die Berge besteigen konnten. Weiter dem Weg folgend zeigte der Blick nach links eine Frau, die im Fluss ihre Wäsche wusch, der Blick nach rechts ein altes Lehmhaus, dessen Eingang noch als Tor zum moderneren Haus dahinter diente. Und im Hintergrund sah ich fortwährend die Berge aus Karstgestein, wie ich lernte, über dessen Entstehung uns Johanna als Geographiestudentin aufklärte. Erst als die Sonne hinter den Bergen zu verschwinden drohte, kehrten wir um. Meine Worte reichen nicht aus, um diese Landschaft zu beschreiben, daher seht selbst.

Dienstag, 01.10.19

Am Dienstagmorgen folgten wir dem Rat der Kinder und bestiegen in unserem Eifer gleich drei der Karstberge, auf dessen Gipfeln je eine Pagode das Ende des Aufstiegs verkündete und zum Ausruhen einlud. Die zugegebenermaßen überschaubare Anzahl an Stufen machte uns angesichts der 36 Grad Celsius trotzdem zu schaffen und so kam uns der Abstecher in einen buddhistischen Tempel sehr gelegen. Dort wurden wir herzlich mit Tee und Früchten willkommen geheißen, uns wurden die verschiedenen Buddhas vorgestellt und wir durften sogar für unsere Familie und Verstorbenen beten, deren Namen dafür auf verschiedenfarbige Papiere geschrieben wurden und anschließend mit einem Stempel versehen neben dem jeweiligen Buddha abgelegt wurden. Schließlich zündeten wir noch jeder drei Räucherstäbchen an und ließen uns die Rituale dazu zeigen. Ich habe schon einige Tempel in China besucht und ich bin jedes Mal fasziniert von der Atmosphäre und der Herzlichkeit der Menschen, die mir ihre Kultur mit Freude nahezubringen versuchen. An unsere Wandertour anschließend, durchquerten wir mit Hellobikes die Stadt Hezhou, welche bei Weitem nicht den Eindruck einer 2 Millionenstadt macht. Auf den zahlreichen Märkten probierten wir uns durch die verschiedensten Street Food Köstlichkeiten und ließen uns auf einer Treppe nieder, nur um kurz darauf im Fokus unzähliger Handykameras zu stehen, deren Besitzer offenbar erstaunt waren, gleich vier Ausländer auf einmal in ihrer kleinen Stadt anzutreffen. Wieder auf Fahrrädern rief Johanna plötzlich „Ich habe einen Drachen gesehen!“ und wir folgten dem Klang der Trommeln, um uns einer Menschenmenge anzuschließen, die dem Spektakel vor einem Laden zuschaute. Dort wurde auf pompöse Art die Neueröffnung eines Ladens gefeiert, indem zwei Menschen in einem roten Drachenkostüm allerlei Kunststücke vollführten, während kräftig die Becken und Trommeln geschlagen wurden. Mit dieser schönen Erinnerung im Gepäck fuhren wir weiter auf die Berge zu und es verschlug uns abermals in ein Dorf, in dem wir abermals einen Tempel betraten. Als wir in der Dämmerung kaum noch die Straße vor uns sehen konnten, erreichten wir den Bahnhof und nahmen den Bus zurück zum Hotel. Ein weiterer ereignisreicher Tag voller neuer und wundersamer Eindrücke lag hinter uns und nachdem wir noch unsere Pläne für die folgenden Tage aufgestellt und die Hotels gebucht hatten, fielen wir endlich erschöpft ins Bett.

Mittwoch, 02.10.19

Ein direkter Bus von Hezhou nach Yangshuo (阳朔) fuhr nur einmal täglich um 13 Uhr, daher hatten wir uns stattdessen für Plan B entschieden und schon am Dienstag Bustickets nach Huangyao (黄姚) gekauft, einem alten Dorf südwestlich von Hezhou, welches als Filmkulisse mehrerer chinesischer Filme diente. Zu unserer Enttäuschung war das Dorf inzwischen dermaßen touristisch ausgebaut, dass uns der Bus gleich vor dem Ticketschalter absetzte, wo man für 100 Yuan Eintritt das eingezäunte Dorf betreten konnte. Wir ärgerten uns ein wenig, nicht früher aus dem Bus ausgestiegen zu sein, als die Umgebung noch gemütlich wirkte. Aber warum nicht einmal 45 Minuten über eine Baustelle laufen, um dann von einer anderen Seite in das Dorf zu gelangen und sogar aus einiger Entfernung einen Blick auf die alten Häuser werfen zu können. Mit Gepäck durch Staub und Matsch zu laufen war sicher nicht die angenehmste Erfahrung, aber aus einer tourismuswissenschaftlichen Perspektive war unsere Aktion sehr interessant, denn hinter den schönen Kulissen wurden massenweise Hotels sowie Umgehungsstraßen für die Anwohner gebaut. In die Straßen der Filmkulisse ließ man uns ohne Ticket nicht herein, aber die Märkte und Straßenstände ringsherum boten genug neue Eindrücke und lokale Spezialitäten. Um 14 Uhr nahmen wir schließlich den Bus nach Guilin (桂林), der uns außerhalb von Yangshuo absetzte und wir machten uns erst einmal zu Fuß auf den Weg in die Stadt, bis es uns gelang, einen Bus anzuhalten. Yangshuo war früher einmal eine unbekannte Kleinstadt, bis es aufgrund seiner wunderschönen Lage in den Karstbergen und der vielen Flüsse, auf denen man so wunderbar Floßtouren anbieten konnte, zum Tourismusort ernannt wurde. Seitdem kann man kaum mehr einen Schritt machen, ohne auf Souvenirstände, Restaurants und andere kostenpflichtige Attraktionen zu stoßen. Nicht nur unter Chinesen ist der Ort bekannt, auch viele Ausländer zieht es in diese Gegend. Zum Glück lag unser Hostel auf der deutlich weniger belebten Seite des Flusses, den wir für 2 Yuan pro Fahrt mit einer kleinen Fähre überqueren konnten. Am Abend stürzten wir uns dann doch in das Gedrängel, in erster Linie, um die Angebote der zahlreichen Fahrrad- und Elektrorollerverleihe zu vergleichen und uns schließlich für den nächsten Tag vier Fahrräder zu reservieren. Und obwohl mir Tofu und Shaokao (烧烤) sehr gut schmeckten, war ich wirklich froh, als die Reizüberflutung ein Ende hatte und wir zurück im Hostel unsere Betten im Achtbettzimmer mit den Matratzen und Decken der ungenutzten Betten polsterten sowie eine weitere Fuhre Wasser für den nächsten Tag abkochten.

Donnerstag, 03.10.19

Auf der Grundlage von Satellitenbildern hatten wir uns für unsere Fahrradtour eine Strecke am Fluss ausgewählt, von der wir uns eine besonders schöne Sicht auf die Berge erhofften. Nachdem wir endlich das anfängliche Verkehrschaos hinter uns gelassen und uns wiedergefunden hatten, nachdem Meretes Kette herausgesprungen war, erreichten wir den Fluss und sahen uns einem irgendwie beeindruckenden, aber ebenso komischen Anblick gegenüber. Der Fluss war übersäht mit Bambusflößen, auf denen je zwei Touristen unter einem farbenfrohen Sonnenschirm mit orangenen Schwimmwesten saßen, während ein Einheimischer das Floß fortbewegte, indem er sich mit einem langen Bambusstab immer wieder vom Flussgrund abstieß. Ich musste an eine Ameisenstraße denken, als ich dieses Spektakel beobachtete, noch nicht ganz sicher, was ich davon halten sollte. Arbeitsplätze schaffte diese Attraktion jedenfalls massenhaft. Wir überquerten den Fluss über eine kleine Brücke, bei deren Dekoration es jemand mit dem Nationalstolz wohl etwas zu gut gemeint hatte, denn ich sah nur noch rot und Sterne. Auf der anderen Flussseite waren wir mit unseren Fahrrädern allein und so radelten wir weiter flussaufwärts, bis wir auf eine Stufe im Fluss stießen. Ich musste zweimal hinschauen, um die Situation vor mir zu begreifen. Die mit dem Strom schwimmenden Flöße rutschten die Stufe mit einem *Platsch* herunter, die von unten kommenden Flöße nahmen einfach den kleinen Lift, der sie gemütlich über die Stufe trug. Irgendwann bemerkten wir, dass die Flöße zu unserer Linken immer weniger wurden, bis uns auffiel, dass der Grund dafür die fehlenden Lifte sein mussten. An dieser Stelle des Flusses kamen nur noch Flöße an, die irgendwo weiter flussaufwärts starteten. Plötzlich endete der Weg am Fluss entlang und wir fuhren stattdessen durch ein paar Dörfer, bis wir schließlich zu einer Brücke gelangten und sich dort des Rätsels Lösung offenbarte, wo denn die ganzen Flöße starteten. Die Ruhe war auf jeden Fall vorerst vorbei, sie wurde von Megafondurchsagen und Gewusel verdrängt. Eine Weile ließen wir uns das Treiben gefallen, während wir am Ufer eine Pomelo aßen. Die 37 Grad Celsius weckten in uns das starke Bedürfnis, einfach in den Fluss zu springen, doch dieses Getümmel war sicher nicht der richtige Ort dazu. Also radelten wir weiter und weiter, bis wir tatsächlich auf eine Badestelle stießen, in der Kinder in bunten Schwimmflügeln und Reifen planschten. Eine Gruppe Ausländer, die in Unterwäsche im Fluss badet… Die Aufmerksamkeit und Handykameras hätten wir sicher auf uns gerichtet. Als wir schon glaubten, die Quelle des Flusses gefunden zu haben, mündete dieser plötzlich in einen breiteren Fluss orthogonal dazu und wir erblickten die perfekte Badestelle. Wie hätte ich glücklicher sein können, als im Schatten eines Baumes im klaren, angenehm kühlen Wasser umhertreibend, mir den Schweiß der Fahrradtour aus den Haaren waschend und mit guten Freunden lachend. Prompt kam ein Floß mit einer chinesischen Familie um die Ecke, doch sie winkten uns nur fröhlich zu. So verbrachten wir eine ganze Weile, bis wir ganz schrumpelig gebadet wieder ans Ufer kletterten und nach einigen Minuten schon wieder so trocken und aufgeheizt waren, dass wir am liebsten gleich nochmal baden gegangen wären. Auf dem Rückweg kamen uns mehrere LKWs mit Flößen beladen entgegen, sowie Wagen mit Floßfahrern, irgendwie mussten sie ja auch wieder zur Beladestelle gelangen. Wir nahmen noch ein paar Umwege, aber kamen schließlich rechtzeitig an, um vor 18 Uhr die Leihfahrräder wieder abzugeben. Ein wenig pendelten wir noch durch die abendlich geschäftigen Straßen und aßen endlich mal wieder eine Mahlzeit, die nicht die Bezeichnung Snack verdiente, bevor wir mit einem Milchtee in der Hand die Fähre auf die andere Flussseite nahmen.

Freitag, 04.10.19

Das wahrscheinlich am meisten für den Individualverkehr genutzte Verkehrsmittel in China ist der Elektroroller (电动车). Es gibt sie in den verschiedensten Formen und Farben, meist sind sie für zwei Personen ausgelegt, jedoch findet nicht selten auch eine ganze Familie darauf Platz. Wie häufig habe ich mich schon gewundert, als mir ein Elektroroller entgegenkam und ich erst im Vorbeifahren bemerkt habe, dass da noch zwei Kinder hinter den Erwachsenen versteckt waren. Der Standard-Elektroroller schafft geschätzt 50 km/h, fügt sich also problemlos in den Stadtverkehr ein. Außerdem benötigt man zum Fahren der Roller keinen Führerschein. Wenig verwunderlich war es also, dass es in Yangshuo weitaus mehr Rollerverleihe als Fahrradverleihe gab und da wir am Freitag gerne einen weiter entfernten Ort besichtigen wollten, liehen wir uns für insgesamt 120 Yuan zwei Elektroroller. Unser schweres Gepäck durften wir netterweise beim Verleih lagern und so machten wir uns mit der Handhabung der Roller vertraut, welche tatsächlich recht intuitiv war. Durch drehen des rechten Griffes kontrollierte man die Geschwindigkeit, die Bremsen waren genau wie beim Fahrrad, nur wie man den Blinker wieder ausstellt, verstand ich nicht sofort. Das schwierigste war, langsam anstatt ruckartig anzufahren, aber mit ein wenig Übung war auch das kein Problem mehr. Bei zu langsamen Geschwindigkeiten musste man mit den Füßen nachhelfen, um nicht mit dem schweren Roller umzukippen und sah dann aus, als würde man Laufrad fahren. So fuhren wir also mit unseren zwei Rollern erst ein Weilchen auf der Hauptstraße, bei der ersten Gelegenheit suchten wir uns aber eine gemütlichere Parallelstraße und fuhren eine Weile durch So fuhren wir also mit unseren zwei Rollern erst ein Weilchen auf der Hauptstraße, bei der ersten Gelegenheit suchten wir uns aber eine gemütlichere Parallelstraße und fuhren eine Weile durch schier endlose Felder mit Zuckerrohr. Der große Schirm, der am Roller angebracht war, schränkte zwar die Aussicht des hinten Sitzenden ein wenig ein, aber angesichts der sonnigen 38 Grad Celsius waren wir für den Schirm sehr dankbar. Ab und zu hielten wir am Straßenrand, um Fotos zu machen oder alte Gebäude mit verblassten Graffitis aus der Zeit der Kulturrevolution zu besichtigen. Als wir uns unserem Ziel näherten, kamen wir in einen Stau und es erforderte viel Ausdauer und Konzentration im ständigen Stop and Go auf der Schotterpiste den Roller zu lenken, aber wir ließen den Stau unbeschadet hinter uns und fuhren in das Dorf, von dem Johanna aufgrund ihrer Erfahrungen mehrerer Jahre zuvor so geschwärmt hatte. Leider hatte sich der Ort inzwischen sehr stark verändert und war ebenfalls zu einer einzigen Touristenattraktion geworden. Wir schauten uns trotzdem ein wenig um, wühlten in roten Perlen mit goldenen Schriftzeichen nach unseren chinesischen Namen und fuhren dann noch ein Stückchen weiter, um die Aussicht am Fluss zu genießen. Schließlich machten wir uns auf den Rückweg, wir wollten schließlich am selben Abend noch nach Guilin weiterfahren. Als wir abermals in den Stau gelangten, konnten wir unseren Augen kaum trauen. Wir standen eine Weile hinter einem Reisebus, der nicht voranzukommen schien, bis ein Polizist ihm schließlich den Weg freiräumte und wir überholen konnten. Fassungslos erkannten wir die Ursache, denn die gesamte rechte Spur war zugestellt mit Autos, die aus Ungeduld die Fahrbahnseite gewechselt hatten und nun hofften, auf der Gegenfahrbahn schneller voranzukommen. Je weiter wir fuhren, desto schlimmer wurde das Problem, denn die linke Spur schien ja frei zu sein, es kamen schließlich keine Autos entgegen. Kopfschüttelnd und gestikulierend versuchten wir im Vorbeifahren weitere Autos davon abzuhalten, es ihren Vorgängern gleichzutun und diesen Wahnsinn einzudämmen, aber was konnten wir schon ausrichten. Irgendwann merkten Johanna und ich, dass die anderen beiden immer weiter zurückblieben und wir mussten erschrocken feststellen, dass sich der Akku ihres Rollers dem Ende zuneigte. Wir hatten keine Wahl, als beim nächstbesten Haus anzuhalten und nach einer Steckdose zu fragen. Eine halbe Stunde ließen wir den Roller laden, während wir eine am Straßenrand gekaufte Pomelo verspeisten, bevor wir unser Glück erneut versuchten. Doch nach gerademal der halben restlichen Strecke war die Geschwindigkeit wieder auf knapp 8 km/h gesunken und wir hielten an einer Fabrik für Küchenfliesen, um eine weitere halbe Stunde zu laden. Langsam machten wir uns Sorgen, ob wir es noch rechtzeitig nach Guilin schaffen würden, um dort noch öffentliche Busse bis zum Hostel nehmen zu können. Nach dem zweiten Mal aufladen versuchten wir, so stromsparend wie möglich zu fahren und als es deutlich bergauf ging, beschlossen wir den Roller zu schieben. Im Schneckentempo näherten wir uns der Stadt und erreichten unser Ziel kurz nachdem der Roller endgültig den Geist aufgab. Wir eilten Richtung Busstation und standen gerade an der roten Ampel, als uns eine Frau „Guilin, Guilin!“ zurief. In der Annahme sie wolle uns für viel Geld in ihrem Taxi mitnehmen, schenkte ich ihr erst nicht viel Beachtung, aber als sie wieder „Guilin“ rief und auf den gerade auf uns zu um die Ecke biegenden Reisebus deutete, verstand ich und wir liefen neben dem Bus her, bis dieser an einer Haltestelle anhielt und wir völlig außer Atem einstiegen. Es ist in China üblich, dass kurz nach dem Busbahnhof noch Passagiere einsteigen und die restlichen Sitz- oder eben Stehplätze ergattern, die dann zu einem etwas niedrigeren Preis beim Fahrer persönlich ihr Ticket kaufen, wodurch das Geld in seine eigene Tasche fließt. Wir waren jedenfalls froh, so schnell im Bus zu sitzen und freuten uns darauf, in Guilin endlich Abendessen zu können. In Guilin angekommen, mussten wir noch eine ganze Weile im überfüllten zweistöckigen Stadtbus fahren, kamen aber schließlich gesättigt von Chongqing Nudeln im gemütlichen Hostel an, in dem wir erschöpft eine Dusche nahmen und die kleinen Ventilatoren an unseren Betten befestigten. Es war ein aufregender Tag und Elektroroller zu fahren eine spaßige und sehr chinesische Erfahrung.

Samstag, 05.10.19

Am nächsten Morgen packten wir auf Zehenspitzen unsere restlichen Sachen, um in der Früh nicht Johanna zu wecken, die noch ein paar Tage in Guilin bleiben würde, während Merete, Rebecca und ich uns Richtung Heimat bewegen würden mit einem Zwischenstopp in Nanchang (南昌), der Provinzhauptstadt von Jiangxi. Die vier Stunden im Schnellzug verbrachte ich unter anderem damit, mit Merete ihren Lektionstext aus dem Chinesischunterricht zum Thema Arztbesuch zu lesen und dabei die wichtige Vokabel für Durchfall zu lernen. In Nanchang erwartete uns überraschenderweise ein kräftiger Wind, der uns sogar veranlasste, lange Hose und Jacke zu tragen. In unserem gemütlichen Dreibettzimmer angekommen, fielen wir erschöpft auf die Betten und waren kurz danach eingeschlafen. Drei Stunden später nahmen wir die Metro in die Stadt und versuchten lange vergebens, eine lebhafte Ecke zu finden. Wir kamen zwar an einem mit patriotisch leuchtenden Herzen und Blumen nur so zugekleisterten Park vorbei und schauten einer Lasershow zu, bei der ein Brunnen zur Musik bunt erleuchtete Fontänen in die Luft spuckte, aber ansonsten schien die Stadt zur späten Stunde sehr ausgestorben. Schließlich folgten wir der Masse, die an einer Metrostation die Bahn verließ und gelangten endlich in eine Shoppingmeile, die zudem allerlei Getränke und Speisen zu bieten hatte. In den zahlreichen Bekleidungsgeschäften wurden wir alle drei fündig, doch das Geschäftsmodell, die Kleidung nicht anprobieren zu dürfen und dann nicht einmal vernünftig umtauschen zu können, habe ich weder verstanden noch eingesehen. Mit vollem Magen und vollen Taschen fuhren wir schließlich ins Hotel zurück und ließen uns von Rebeccas Gerede über Bettwanzen in Paranoia versetzen. Doch die Müdigkeit siegte und so ging mein vorletzter Urlaubstag zu Ende.

Sonntag, 06.10.19

Den letzten Tag gingen wir ganz entspannt an. Ausgeschlafen frühstückten wir in der Einkaufsstraße, die wir am Vortag entdeckt hatten. Ich strahlte über beide Ohren vor Freude, als ich mein Lieblingsgetränk entdeckte, das ich seit meinem Urlaub in Chongqing im Sommer 2017 nicht mehr getrunken hatte: Joghurt mit lila Reis (紫米酸奶). Als wir eine Weile später bei einem Museum ankamen, welches wir zu besichtigen geplant hatten, schreckte uns die Warteschlange so sehr ab, dass wir kurzerhand unsere Pläne änderten. Zugegeben, wir hätten damit rechnen können, dass das „August 1st Nanchang Uprising Memorial Museum“ über den Nationalfeiertag gut besucht sein wird. Ich verabschiedete mich von Merete und Rebecca, wünschte den beiden am Folgetag eine gute Heimreise und machte mich auf den Weg Richtung Bahnhof, wo mein Zug zurück nach Wuhan um 16:28 Uhr abfahren sollte. Es passierte etwas Erstaunliches: Mein Zug hatte eine halbe Stunde Verspätung. Das mag jetzt für den deutschen Leser nichts Ungewöhnliches sein, aber was in Deutschland der Normalzustand ist, ist in China die absolute Ausnahme. Tatsächlich kamen wir mit einer Stunde Verspätung in Wuhan an, nachdem wir auf der Strecke plötzlich nochmals für eine halbe Stunde standen. Ich erfreute mich währenddessen an sehr interessanten Gesprächen mit meinen Sitznachbarn. Mir gegenüber saß ein Ehepaar aus Nanchang, die nach Chongqing wollten und sehr interessiert an meinen Erfahrungen in und Gedanken über China waren. Zu meiner linken saß eine Studentin einer anderen Uni in Wuhan, mit der ich mich auf Anhieb gut verstand. Ihre erste Frage an mich lautete „Bist du Ausländer?“, was mir erst wie eine witzige, aber auch irgendwie unnötige Frage erschien, normalerweise fragten mich die Leute, ob ich Ami oder Russin sei. Doch als ich darüber nachdachte, fand ich Gefallen an dieser Frage, weil sie hinterfragt, anstatt Annahmen über das Gegenüber zu treffen. Wäre ich als Tochter zweier Deutscher in China geboren und aufgewachsen, so wäre ich Chinesin, oder nicht? Dennoch würde man mir das nicht ansehen. Doch das ist eine andere Geschichte und wird ein andermal erzählt. So fand ich also mein Fahrrad wieder, welches ich acht Tage zuvor am Eingangstor des Campus abgestellt hatte und schwelgte noch in Erinnerungen an den erlebnisreichen Urlaub, der nun hinter mir lag, während ich mich im Dunkeln auf den Heimweg zu meinem Wohnheim machte.

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