Tanz der Drachen

Jeder Tag in China stellt mich vor neue Herausforderungen, jeder Tag bietet Möglichkeiten zu lernen und zu erleben. Ich entscheide mich Tag für Tag für den weniger bereisten Weg. Ich wachse daran und mein Verständnis für die chinesische Kultur wächst mit mir. So bringt jeder Tag glückliche Momente mit sich. 天天开心!


Hinter mir liegt eine unvergessliche Woche harten Trainings, inspirierender Momente und glücklichem Beisammensein. Gemeinsam sind wir durch Schweiß und Schmerzen gegangen, gemeinsam haben wir gelacht und gelernt.

Das Abenteuer, von dem ich heute berichte, begann vor zwei Wochen, als mich nach dem Wushu Training unser Teamleiter fragte, ob ich Interesse hätte, am Drachentanz teilzunehmen. Der Drache 龙 ist das wichtigste Wesen der chinesischen Mythologie und hat in China eine durchweg positive Bedeutung, er ist eine Art Gottheit des Flusses und man glaubt, dass er den Menschen Glück bringt. Zu besonderen Anlässen wird daher häufig der Drachentanz aufgeführt, bei dem ein Team den langen flexiblen Drachen an sich in regelmäßigen Abständen befindlichen Stöcken lenkt und ihn fließende Bewegungen vollführen lässt. Unser Drachentanz sollte anlässlich des Sportfestes der Uni am 1.11. stattfinden.

Das Training begann mit grundlegenden Bewegungsmustern, wie Stab aufrichten, Handwechsel, Stab in die Waagerechte absenken, zuerst auf Kommando mit leeren Händen, dann mit Drachen. Nach und nach lernten wir die verschiedenen Handgriffe und Bewegungen, während das Schwierigkeitslevel immer weiter anstieg. Besonders intensiv trainierten wir die anspruchsvolle Figur 八字, bei der sich der Drache in Form einer liegenden Acht windet. Diese erfordert selbst mit der richtigen Technik sehr viel Kraft und Ausdauer. Bereits beim ersten Training wurde mir bewusst, dass das harmonische Zusammenspiel der neun Drachentänzer nicht nur für ein fließendes Erscheinungsbild unabdingbar ist, sondern auch die einzige Möglichkeit darstellt, den Drachen überhaupt zu lenken. Die neun Stäbe mit dem Kopf des Drachen voran sind schließlich durch den Drachenkörper verbunden und die Bewegung meines Vordermanns zieht mich unwillkürlich mit. Aus der Reihe zu tanzen ist schlicht nicht möglich. Ich finde das eine besonders schöne Eigenschaft des Drachentanzes, da sie jeden gleichwertig einbindet. Wir trainierten mehrere Stunden am Stück, oft in der prallen Sonne und waren dankbar, dass sich jeweils zwei Drachen abwechselten, sodass wir zwischendurch ein wenig im Schatten zu Atem kommen konnten. Wie so häufig sieht der Drachentanz von außen betrachtet leicht aus, ist aber unglaublich anstrengend. Ich weiß gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, keinen Muskelkater zu haben. Am Freitag konnte ich aufgrund einer Klausur in theoretische Mechanik nicht am Training teilnehmen und bekam daher die Ansage des nächsten Trainings nicht mit. So kam es, dass ich am Samstagmorgen um kurz nach zehn verschlafen auf mein Handy guckte und erschrocken erfuhr, dass wir um 10:10 Uhr mit dem Training beginnen würden. Als ich verspätet auf dem Sportplatz ankam, hatten die anderen zum Glück gerade erst mit dem Aufwärmen begonnen. Von da an trainierten wir jeden Tag bis zum Auftritt. Sonntag morgens um 8:30 Uhr, unter der Woche zweimal täglich, eine Stunde in der Mittagspause sowie abends ab 7 Uhr im Dunkeln. Ich kam in diesen Tagen manchmal an meine Grenzen, versuchte zwischen den Trainings noch meine Hausaufgaben zu erledigen und nutze jede freie Minute, um mich zu dehnen oder meine Bewegungsabläufe im Kopf durchzugehen. Ich lernte viel über Disziplin, auch wenn diese nicht immer eingehalten wurde. „少了多练!“ Weniger quatschen, mehr trainieren! Ich hatte eine großartige Zeit mit den anderen Studierenden meines Drachen.

Insgesamt waren wir fünf Drachen, unser Drache bestand vollständig aus Mitgliedern des Wushu Teams und wir waren damit der Vorführdrache, Drache Nummer 1. Meine Position war Stab 7. Ich mochte meinen Platz. Ich fühlte mich integriert und akzeptiert, eine unscheinbare, wenn auch wichtige Position im besten Drachen. Doch es kam, wie ich unterbewusst befürchtet hatte. Am Montagabend kam unser Trainer auf mich zu und bat mich, anstatt meiner bisherigen Position die Aufgabe der Drachenperle zu übernehmen. Dieser Kugel folgen die Drachen, der Drachenkopf ist meist dicht hinter der Perle, als würde er sie fressen wollen. Ich sollte als einzige Perle alle fünf Drachen führen, eine große Verantwortung. Und so stolz und geehrt ich mich auch fühle, diese Aufgabe tragen zu dürfen, sehe ich diese Wendung in zweierlei Sicht kritisch. China ist normalerweise sehr bedacht auf symbolische Bedeutungen, daher hat es mich ehrlich überrascht, dass ich als einzige Ausländerin die Drachen führen sollte. Deutschland führt China an, China folgt Deutschland. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Bild aus politischer Sicht so geschickt ist. Zweitens gibt mir die Perle wie so oft in China das Gefühl, herausgestellt, bewundert und beachtet zu werden, aber nicht aufgrund meiner Fähigkeiten oder Persönlichkeit, sondern aufgrund meiner Hautfarbe und Herkunft. Ich fühle mich als Drachenperle zwar akzeptiert, aber nicht mehr so integriert, wie ich es an Position 7 war. Trotzdem habe ich die Herausforderung angenommen. Das bedeutete für mich, innerhalb von drei Tagen neue Figuren zu erlernen und vor allem die Abläufe und Positionen zu erinnern. Ich würde die Kommandos geben, ich führe alle anderen. Wie mein Trainer zu mir meinte: „Die Bewegungen richtig auszuführen, ist nicht das wichtigste. Das wichtigste ist, mit Selbstbewusstsein aufzutreten und zu lächeln.“ Das fiel mir gar nicht so leicht, ich sehe mich nicht als geeignetste Führungsperson und wenn ich mich konzentriere, zeigt mein Gesichtsausdruck meist alles andere als ein Lächeln. Aber was ist schon eine leichte Herausforderung. Auf geht’s.

Heute war der große Tag. Um 6 Uhr morgens klingelte mein Wecker und ich schlich ins Bad, um meine Mitbewohnerin nicht zu wecken. Unser einheitliches Outfit: schwarze Sporthose und ein XXL neongelbes T-Shirt vom Uni Marathon 2016/2017. Es war anders geplant, glaube ich, aber nun gut, lasst uns drüber lachen. Ich verband meine zahlreichen Blasen an den Händen mit Pflastern und machte mich auf den Weg, um mit den anderen gemeinsam zu frühstücken. Aufwärmen, ein letztes Training, auf die Startposition. Das Sportfest der Huazhong University of Science and Technology 2019 wurde prachtvoll eröffnet. Jede teilnehmende Fakultät oder Institution betrat in einheitlicher Aufmachung den Sportplatz zu feierlicher Musik und drehte eine Runde, während sich rund um den Sportplatz Studierende mit großen roten Flaggen aufgestellt hatten. Anschließend wandten sich alle Anwesenden der hinteren Seite des Sportplatzes zu, um zum Klang der chinesischen Nationalhymne der Flaggenparade durch das Militär beizuwohnen. Nun waren wir an der Reihe, das Programm endgültig zu eröffnen. Die Musik ertönt, auf mein Kommando, los geht’s. Im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden mit unserem Auftritt. Zwei weitere Drachen sowie vier Löwen der Sportstudierenden traten mit uns auf und vollführten ziemlich beeindruckende Kunststücke. Leider brachten sie auch meinen Plan fürs Ende etwas durcheinander, weil ich vor der Bühne keinen Platz mehr für meine geplanten Bewegungen hatte und plötzlich befand sich der Drache, den ich führte vor mir anstatt hinter mir. Ich musste improvisieren und… ließ die Drachenperle fallen. Schwamm drüber. Als ich unseren Auftritt im Spagat beendete, klatschte das Publikum.

Der Drachentanz war eine unglaubliche Erfahrung und ich hoffe sehr, in Zukunft noch einmal die Möglichkeit zu haben, daran teilzunehmen. Ich habe im Laufe des Trainings nicht nur die chinesische Kultur aus einer neuen Perspektive kennenlernen können, sondern auch gute Freunde gefunden.
Die harte Arbeit hat sich gelohnt. 辛苦了!

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