Mit Milchteebecher und Pappschild

Ich dachte immer, ich wüsste Bescheid über den Klimawandel und seine Folgen. Ich dachte, es unternahm niemand drastische Handlungen, weil der Klimawandel eine abstrakte Gefahr in der fernen Zukunft ist. Ich dachte in meiner naiven Weltvorstellung, die Umstellung auf erneuerbare Energien in Deutschland gehe nur langsam voran, weil wir ohne Kohlestrom unseren Energiebedarf nicht decken könnten. Wie sehr lag ich doch daneben…

Als ich meinen Freiwilligendienst 2016 antrat und das erste Mal nach China flog, erschrak ich vor dem Anblick des vielen Plastikmülls. Der kleine Fluss, der sich durch Yongping schlängelte, war vor lauter Abfall kaum noch zu erkennen. Ich erinnere mich an einen stürmischen Nachmittag, an dem ich aus dem Fenster unserer kleinen Wohnung auf dem Schulgelände blickte und mich wunderte, welch bunte Figuren dort durch die Luft wirbelten. Bis ich erkannte, dass es sich um Plastiktüten handelte, die der Wind in die Lüfte trug. In China muss man beim Einkaufen einen Moment nicht aufpassen, schon hält man eine Plastiktüte in der Hand. So war einer der ersten Sätze, die ich damals auf Chinesisch lernte: 我不要袋子 – Ich möchte keine Plastiktüte. Doch so sehr ich mir auch Mühe gab, diesen Satz vor jedem Einkauf zu sagen, wuchs die Plastiktütensammlung hinter dem Abzugsrohr in der Küche immer weiter. Es ist leicht, unter dem Vorwand in einer anderen Kultur zu leben, sein Gewissen auszublenden und sich anzupassen. Und so verging ein Jahr. Als ich mich im August 2017 von unserem Linkteacher James verabschiedete, teilte er mir mit, dass seine Frau nach meinem Vorbild nun weniger Plastiktüten verwendete. Das war das erste Mal, dass ich realisierte, inwiefern meine Handlungen einen Einfluss auf andere haben können.

Nach gerademal zwei Jahren in Deutschland zog es mich zurück nach China und auch in Wuhan sah die Plastiksituation nicht anders aus. Ich freute mich sehr, in China wieder meinen geliebten Milchtee trinken zu können, doch jeder Milchtee kam mit einem Plastikbecher, einem in Plastik eingepackten Plastikstrohhalm und einer Plastiktüte. Während unseres Urlaubs über den Nationalfeiertag unterhielt ich mich mit einer meiner Mitreisenden über dieses Problem und sie schlug mir vor, doch mal auszuprobieren, meinen eigenen Becher mit zum Milchteeshop zu nehmen. Gesagt, getan. Zufrieden hielt ich meinen Milchtee in meinem eigenen orangenen Becher in den Händen. Das war der Anfang meines Kampfes gegen Plastik.

Doch wo sollte ich anfangen? Das Plastikproblem schien so gigantisch und mehrmals ertappte ich mich dabei, ohne nachzudenken wieder eine Verpackung wegzuwerfen. Eines Abends telefonierte ich wieder einmal mit einer guten Freundin aus meinem Studium in Lübeck und beschwerte mich, dass ich in Deutschland so viel ausrichten und wirklich auf Plastik verzichten könnte, aber dass das in China unmöglich sei. Und während ich diese Worte sprach, meldete sich eine Stimme in meinem Kopf und sagte: Franka, hör doch mal zu, was für einen Unsinn du da redest! Kannst du nicht in China besonders viel ausrichten, gerade weil hier so viel Plastik unachtsam verwendet wird? An dem Abend machte ich mir einen einfachen Vorsatz: Zweimal nachzudenken, bevor ich etwas kaufe oder nutze. Ich öffnete meine Augen und realisierte, dass ich noch weitaus mehr Plastik im Alltag verwendete, als mir bewusst war. Aber ich begann auch zu sehen, dass es für vieles einfache Alternativen zur Hand gab. Mein Milchteebecher, Stoffbeutel und Besteckset wurden meine treuesten Begleiter.

Warum nutzen die Menschen um mich herum so viel Wegwerfplastik für so unnötige Situationen? Warum erntete ich für meine Einkäufe mit dem eigenen Beutel so verständnislose Blicke? Warum musste ich im Milchteeladen argumentieren, dass es nicht ok ist, den Milchtee erst in einen Plastikbecher zu füllen, um ihn danach in meinen eigenen Becher umzufüllen? Und warum wurde mir danach immer noch ein Plastikstrohhalm angeboten? Ich verstand, dass das fehlende Bewusstsein für die Gefahren von Plastik für Umwelt, Klima und Gesundheit das zentrale Problem war. Und bevor mir noch einmal jemand sagt, dass ich beim Plastikverzicht die Begriffe Klima und Umwelt nicht verwechseln darf: Denkt mal darüber nach, woraus Plastik hergestellt wird. Und danach darüber, was das zentrale Problem des menschengemachten Klimawandels ist.

Wie also konnte ich in meiner Umgebung ein Bewusstsein für den Klimawandel und die Rolle vom Plastikkonsum in dessen Bekämpfung schaffen? Sicher, einige Leute würden interessiert beobachten, wie ich mit Becher und Beutel hantiere. Aber gab es nicht einen Weg, noch mehr Menschen zu erreichen? Da gab es doch dieses Phänomen soziale Medien, das ich außer zum Chatten noch nie wirklich genutzt hatte, weil ich finde, dass die Leute mich doch selbst fragen sollen, wenn sie wissen wollen, was ich so treibe. Aber mit inzwischen über 200 WeChat Kontakten ließe sich doch bestimmt etwas machen. Also veröffentlichte ich am 5. November meinen ersten Post auf WeChat: „Wisst ihr, warum ich Milchtee nur noch aus meinem eigenen Becher trinke?“ Dazu ein Foto. Diesen Post wie auch alle folgenden schrieb ich auf Chinesisch, wofür ich zwar deutlich mehr Zeit sowie Hilfe von Freunden und Übersetzungsprogrammen benötigte, aber mein chinesisches Umfeld ohne Frage gezielter erreichen konnte. Und mein Chinesisch verbesserte ich dabei auch noch. Die Kommentare auf meinen ersten Post reichten von „Weil der Becher so hübsch ist“ bis „Bist du etwa wieder in China?“. Der einzige Kommentar, der Umweltschutz als Grund nannte, konnte das fehlende Bewusstsein nicht verschleiern. Also fasste ich den Entschluss, von nun an auf WeChat Fakten zum Klimawandel zusammenzustellen sowie meine eigenen Ideen auf dem Weg zum plastikfreien Konsum zu veröffentlichen. Die Rückmeldungen waren unglaublich positiv und motivierend. Allein kann ich nicht viel ausrichten, aber zusammen können wir einen Unterschied machen. 一起我们会有影响!

Wenn ich von fehlendem Bewusstsein spreche, bin ich selbst nicht ausgenommen. Vor ca. einem Monat hörte ich mir erstmals eine Rede von Greta Thunberg an. Sie sprach davon, dass die Klimakrise nicht als solche behandelt wird, weil die Mehrheit der Menschen nicht Bescheid weiß über die konkreten Folgen des Klimawandels und die Dringlichkeit, mit der dieser zu behandeln ist. Mein erster Gedanke war: Ich weiß Bescheid. Ich weiß, was Klimawandel bedeutet. Und dann habe ich begonnen, zu recherchieren, mich einzulesen und ich begann zu verstehen, dass ich keine Ahnung hatte. Ich kannte die Grundlagen, wie den Treibhauseffekt. Aber ich wusste nicht, was sogenannte tipping points sind und dass das im Pariser Klimaabkommen festgehaltene 1,5°C Ziel in erster Linie dazu dient, zu vermeiden, dass durch das Erreichen solcher tipping points eine unaufhaltsame und irreversible Kettenreaktion eintritt, welche das Klimasystem in drastischer Weise verändern und zu für Menschen möglicherweise lebensfeindlichen Bedingungen führen würde. Ich wusste nicht, dass wir bereits 1°C Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit überschritten hatten und uns selbst im Falle sofort stoppender Emissionen die bereits im System befindlichen Treibhausgase nahe an die 1,5°C führen könnten. Mir war nicht bewusst, wie durch die Entstehung fossiler Brennstoffe Kohlenstoff aus dem Kohlenstoffzyklus entzogen wurde, wodurch sich das Klima abkühlte und zu den heutigen Lebensbedingungen führte. Das macht die Lösung der Klimakrise simpel gesagt sehr übersichtlich: Wir müssen die fossilen Brennstoffe im Boden lassen. Je mehr ich mich mit den Ursachen, Folgen und Zahlen des Klimawandels beschäftigte, desto mehr begann ich die Dringlichkeit zu verstehen. Ich hatte lange schon gewusst, dass der Klimawandel eine Bedrohung darstellt und dass ich mein Handeln ändern muss. Und das habe ich auch im kleinen Maßstab. Aber da die Welt um mich herum im Großen und Ganzen weiterlief wie bisher und keinen großen Wirbel um die Klimakrise machte, tat ich es auch nicht. Doch nun, wo ich verstanden habe, dass die Klimakrise keine entfernte Bedrohung in der Zukunft ist, sondern uns im Hier und Jetzt betrifft und uns wenige Jahre Handlungsspielraum übriglässt, gibt es kein Zurück mehr. Der Klimawandel hat die Oberhand in meinen Gedanken gewonnen und ich kann es nicht mehr verantworten, nicht dementsprechend zu handeln. Ich glaube, wenn sich ein Mensch einer akuten Gefahr bewusstwird, übernimmt ein urmenschlicher Überlebensinstinkt, der einen zwingt, diese zu bekämpfen. So fühlt es sich für mich an. Ich kann meine Handlungen nicht mehr auf solche beschränken, die bequem und einfach sind. Ich muss aus meiner Komfortzone heraustreten, mit fremden Menschen in einer holprig beherrschten Sprache reden, einen Vortrag über CO2-Kompensation halten und mich mit einem Pappschild vor mein Wohnheim setzen. Und wisst ihr was, es ist ein unglaublich gutes Gefühl, nicht mehr mit schlechtem Gewissen, sondern in Einklang mit meinen eigenen Werten zu handeln.

Nächste Woche Montag, den 3.12.2019 startet die UN Weltklimakonferenz in Madrid. Als Auftakt fand heute, Freitag den 29.11.2019 ein weiterer globaler Klimastreik statt. Die Uni Lübeck hatte hierzu eine ganze Klimastreikwoche organisiert und dazu aufgerufen, den Klimawandel in den Vorlesungen anzusprechen. Eine großartige Aktion, wie ich finde. Ich wollte meinen Teil beitragen. Doch ich war mir relativ sicher, dass Klimastreiks in China nicht erlaubt sind. Ich wollte schon aufgeben, da kam mir gestern Abend beim Einschlafen die Eingebung, es in kleinem Maßstab einfach trotzdem zu versuchen. Wenn mir das nicht erlaubt ist, würde mir das schon jemand sagen. Ich bastelte mir heute Morgen also aus einem Taobao-Paket ein Plakat und setzte mich ab 9:30 Uhr auf die Stufen vor meinem Wohnheim. Mit Sitzkissen und Thermoskanne ausgestattet trotzte ich der Kälte und verbrachte drei Stunden mit meinem Pappschild im Schoß. Darauf stand:

Climate change doesn’t stop at borders. Neither do I.
Climate justice now!
Together.

Darunter auf Chinesisch: 三思而行。采取紧急气候行动。
(Think twice. Take urgent climate action.)

Ich hatte wie gesagt ein paar Bedenken, dass man in China meine Aktion als Streik nicht so positiv aufnehmen würde. Daher dachte ich mir, ich schreibe einfach auf mein Plakat: Dies ist kein Klimastreik. Damit wäre das dann ja geklärt.

Es war auch tatsächlich kein echter Streik, da ich nachmittags zu meinem Unterricht gegangen bin. Drei Stunden in der Kälte reichten auch erstmal. Gestört hat es auch niemanden. Der Sicherheitsmann des Wohnheims lief mehrmals an mir vorbei, beäugte mich und lief weiter. Schließlich saß ich auch gerade außerhalb der Parkverbotszone. Die meisten Leute warfen mir einen Blick zu und gingen dann weiter. Einige blieben stehen, sprachen mich an und fragten gar, was sie gegen den Klimawandel tun können. Wiederum andere umarmten mich, gaben mir freundschaftlich die Hand und sagten mir, meine Aktion sei mutig und gut. Ein paar wenige gesellten sich eine Weile zu mir oder machten Fotos, um diese in sozialen Netzwerken zu teilen. Ein Student aus Papua New Guinea setzte sich zu mir und berichtete davon, wie sein Zuhause und die Inseln im Pazifik von steigenden Meeresspiegeln akut bedroht sind. Es war eindrucksvoll und ebenso erschreckend, solche Erfahrungen aus erster Hand zu hören. Genau dort setzt der Aspekt der Klimagerechtigkeit an. Diejenigen, die den Klimawandel verursachen sind nicht diejenigen, die die Konsequenzen erleiden. Daher müssen Industrieländer ihrer Verantwortung gegenüber der Weltbevölkerung gerecht werden und besonders schnell Klimaneutralität erreichen.
Es war ein gutes Gefühl, dass sich jemand zu mir setzte. Heute war ein guter Tag.

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