Advent, Advent, kein Lichtlein brennt

Ich sitze am 东湖 (Ostsee) und lasse die vergangenen drei Monate Revue passieren, die ich nun schon in Wuhan lebe. Was möchte ich aus meinen bisherigen Erfahrungen mitnehmen? Was möchte ich in der kommenden Zeit noch erreichen?

Mein Leben in Wuhan unterscheidet sich sehr von allem, was ich bisher erlebt habe. Auf der anderen Seite sehe ich auch viele Parallelen zu meinem Leben in Yunnan drei Jahre zuvor. In China anzukommen, hatte für mich etwas von nach Hause kommen. Die großen Unterschiede sind auch der Freiheit zuzuschreiben, mir meine Zeit ganz nach meinen Wünschen und Vorhaben einzuteilen. Ich führe hier ein sehr erfülltes Leben. So habe ich es in den vergangenen Monaten mehrmals beschrieben, bevor mich die Klimakrise aus dem Gleichgewicht riss. Erfüllt in dem Sinne, dass ich meine Zeit nur mit Dingen verbringe, die mir wirklich wichtig sind. Keine Erwartungen und Druck bezüglich meiner Studienleistungen zu haben, führte zumindest anfänglich zu einer sehr hohen Motivation im Selbststudium, welches aufgrund der sprachlichen Herausforderungen einen erheblichen Teil meiner Zeit füllte. Seit ich mir der Dringlichkeit des Handelns in der Klimakrise bewusst geworden bin, hat sich mein Fokus allerdings stark verschoben und ich bin leider in meinen Vorlesungen sehr hinterher. Es ist manchmal schwierig zu sehen, für welche Zukunft ich studiere, wenn wir diese gleichzeitig mit Füßen treten. Mein Kampf gegen Plastik sowie mein Protest am Freitag bringen durchaus sehr erfüllende Momente mit sich, wenn sich mir andere anschließen und ich sehe, dass meine Handlungen einen Unterschied machen können. Aber es gibt eben auch solche Momente, in denen mir das Problem zu groß und vor dem Hintergrund der wenigen effektiven Maßnahmen unlösbar erscheint. Ich bin noch dabei, meine Wege zu finden und wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Mein Weltbild hat sich innerhalb des letzten Monats in einigen Aspekten stark verändert und ich brauche Zeit, dieses wieder in Einklang mit meinen Werten und Handlungen zu bringen. Nach Singapur brauchte ich eine kleine Auszeit zum Nachdenken und lesen und habe meine Vorlesungen vernachlässigt. Ich habe mich in China machtlos gefühlt und mein Fokus hat sich auf all das verschoben, was ich in Deutschland verpasse. Die nahende Vorweihnachtszeit, die normalerweise so viel Gemütlichkeit und Beisammensein mit sich bringt, aber in China nicht zu spüren ist, hat mich meinen Blick weiter nach Hause in Deutschland schweifen lassen. Mir war vor meiner Abreise bewusst, dass ein Jahr in China mit einigen Einbußen einhergehen würde, aber ich habe es trotzdem gewagt, da mir bewusst war, wie viel mehr ich hier gewinnen könnte. Es ist Zeit, meinen Fokus wieder auf das zu legen, was ich in China erleben und lernen kann und mir in Deutschland verwehrt bliebe. Und was die Weihnachtszeit betrifft, so werde ich schon meine eigenen Wege finden, diese gemütlich und besinnlich zu gestalten.

Jetzt muss ich mich erstmal wieder bewegen, meine Hände frieren ein. Ich schreibe zurück im Warmen weiter.

Heute zum 1. Avent habe ich mich entschlossen, eine kleine Fahrradtour zum nahegelegenen Ostsee zu machen. Mit Thermoskanne, selbstgemachtem Studentenfutter und Apfel im Gepäck bin ich durch einen weitläufigen Waldpark geradelt, vorbei an kleinen Pagoden, Fahrradparkplätzen und Infotafeln, die über das Verhalten im Falle einer Wildschweinbegegnung aufklärten. Wie konnte ich diesen wunderschönen Naturpark innerhalb von drei Monaten noch nicht entdeckt haben? Ich nahm mir vor, von nun an häufiger mit meinem Rad hierher zu fahren. An diesem herbstlichen Sonntag hatte es nicht viele Leute in den Wald gezogen und so hatte ich freie Fahrt auf den gut ausgebauten Fahrradwegen. Auf dem Weg sammelte ich Tannenzweige und Zapfen für einen Adventskranz. Mit drei größeren Zweigen auf den Gepäckträger geschnallt fuhr ich durch Dörfer mit Lehmhütten und Strohdächern Richtung See. Trotz moderater Luftverschmutzung konnte ich am Wasser angekommen tief durchatmen und genoss den kalten Wind auf meinem Gesicht. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich fast an der Ostsee sein, statt an dem Ostsee. Ich schob mein Rad durch einen kleinen Bambusgarten mit wunderschön rot gefärbten Bäumen und sammelte deren Blätter für meinen Adventskranz. Auf dem Rückweg traf ich auf eine Gruppe Studenten, die gerade am Wasser ein Aufwärmtraining machten und wohl in die am Steg liegenden Paddelboote steigen wollten. Darüber muss ich mir für das Sommersemester auch mal Gedanken machen.

Jetzt sitze ich auf meinem Bett und bastele an dem Adventskranz und einem geschmückten Strauß aus dem übrigen Zweigen. Und höre dabei die Weihnachtslieder von Rolf Zuckowski. Da fühlt sich der Advent doch gleich schon wie zuhause an.

Ich wünsche euch allen einen frohen 1. Advent und eine besinnliche Vorweihnachtszeit. Genießt die Zeit mit euren Liebsten und ruft doch mal diejenigen an, von denen ihr schon lange nichts mehr gehört habt. Oder ruft mich an, ich würde mich freuen 🙂

Meinem Adventskranz fehlen leider vier Kerzen, die ich aus Brandschutzgründen im Wohnheim nicht anzünden darf. Hast du eine Idee, wie ich stattdessen die vier Adventssonntage bis Weihnachten abzählen kann?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s