Weihnachten in Wuhan

Weihnachten – hinter diesem Wort verbirgt sich so viel. Es gibt mir ein wohlig warmes Gefühl des Beisammenseins mit geliebten Menschen und Wiedersehens von Verwandten und lange nicht kontaktierten Freunden. Es riecht für mich nach Kerzenwachs auf dem Adventskranz, der Licht und Wärme in die dunkle, kalte Jahreszeit bringt. Es schmeckt nach Plätzchen, noch warm aus dem Ofen, nach Walnüssen mit Honig, Mandarinen und nach Fondue zum Heiligabend. Ich höre die Kirchenglocken, Weihnachtslieder ertönen aus vereinten Mündern und verstaubten Flöten. Es ist ein Fest der Traditionen, Jahr für Jahr freue ich mich über all die fröhlichen, besonderen Momente und ich fühle mich wieder als Kind, auch wenn ich inzwischen erwachsen bin. Doch wie fühlt sich Weihnachten an, wenn ich dieses Fest nicht in der vertrauten Umgebung meines Zuhauses feiern kann, sondern weit entfernt in einem Land, in dem kein Weihnachten gefeiert wird? Wie verbringe ich Weihnachten, wenn nicht mit meiner Familie vor dem hell erleuchteten Weihnachtsbaum?

Vor drei Jahren habe ich zum ersten Mal Weihnachten nicht Zuhause gefeiert. Damals lebte ich im warmen Yongping und wunderte mich, dass die Bäume dort im Winter nicht ihre Blätter verloren. Mit selbst gebastelten Adventskalendern, selbst gepflückten Mandarinen und Bratensoße aus Deutschland hatte ich mir mit meinen Mitfreiwilligen dennoch ein unvergessliches und fröhliches Weihnachtsfest geschaffen. Zwecks Verlängerung unseres Visums sollten wir am 24.12. allesamt nach Pu’er fahren, was unsere gemütlichen Weihnachtspläne durchkreuzte. Wir entschlossen uns daher, am Abend des 23. in Weihnachten reinzufeiern, eine wirklich ungewöhnliche aber ebenso unvergessliche Erfahrung. Damals stellte ich fest, dass an Weihnachten weder Ort noch Zeit eine Rolle spielen, sondern dass es das Gefühl des Zusammenseins mit geliebten Menschen ist, welches Weihnachten wirklich ausmacht.

Die Adventszeit ist wohl die schwerste eines Jahres im Ausland, da sie mit so vielen heimlichen Gefühlen verbunden ist. Über Weihnachten nach Hause zu fliegen kam für mich trotzdem nicht in Frage, ich habe Unterricht, Klausuren stehen an und was wäre es doch für eine unnötige Belastung des Klimas. Ich hatte mich darauf eingestellt, dieses Jahr ein ganz anderes Weihnachten zu verbringen, ohne die vielen Traditionen. Wie erstaunt bin ich daher über die weihnachtliche Stimmung und Umgebung, die ich mir schaffen konnte. Mit Kreativität und Freunden habe ich dieses Jahr auch in China meine Wege gefunden, ein frohes Weihnachtsfest zu verbringen.

Ich berichtete euch bereits von meiner Fahrradtour zum ersten Advent, auf der ich Tannenzweige für meinen Adventskranz sammelte. In einer Bambusschale gaben die grünen Zweige und roten Blätter meinem Wohnheimzimmer schon einen adventlichen Schein. Nur der Kerzenschein fehlte. Später bastelte ich mir aus einer Klopapierrollenpappe eine dicke rote Kerze, die fortan meinen Adventskranz schmückte. Die übrigen Zweige stellte ich in eine leere Plastikflasche und verzierte den Strauß mit vielen kleinen Sternchen, die ich gebastelt hatte. Mandarinen und Walnüsse mit Honig versüßten meine Abende, der Klang von Weihnachtsliedern tönte aus meinem Handy oder ich saß abends auf meinem Bett, spielte Weihnachtslieder auf meiner Ukulele und sang dazu. Im Gegensatz zu Yongping war es in Wuhan nun auch wirklich kalt und so manch warmer Tee oder Milchtee wärmte mich wieder auf. Die Bäume leuchteten in den wunderschönsten Rottönen und verloren hier endlich ihre Blätter – wenn auch im Vergleich zu Deutschland etwas verzögert. Eines Mittwochnachmittags rief mir meine Mitbewohnerin erfreut zu: Es schneit! Und auch wenn ich die weißen Flocken eher als Schneeregen einordnen würde, so stimmte auch mich der Anblick sehr fröhlich.

Am zweiten Advent machte ich mit einem Freund aus Papua Neu Guinea eine Fahrradtour zum Ostsee, das heißt ich fuhr Fahrrad und er joggte nebenher. Bis zur Brücke, hatten wir gesagt, doch letztendlich umrundeten wir in sechs Stunden den kompletten südlichen Teil des Sees. Wir hatten Picknick dabei und legten immer wieder Pausen ein, zum Essen, unterhalten und die Landschaft genießen. Habe ich schon von der schönen Laubfärbung erzählt? Es war ein rundum glücklicher Tag.

Was gibt es Schöneres, als im Advent Musik zu machen? Gemeinsam Musik zu machen. Also fuhr ich über den dritten Advent nach Nanjing, die Provinzhauptstadt von Jiangsu, um dort drei Freundinnen und Mitstipendiatinnen zu besuchen. Auf den drei Stunden Zugfahrt genoss ich es, mein neues Buch zu lesen und noch glücklicher war ich, mich bis spät in die Nacht mit den anderen über unsere bisherigen Erfahrungen im Studium und Leben in China auszutauschen. Ich konnte in der Wohnung von Merete und Rebecca bleiben und auch wenn die beiden den Großteil der Zeit mit Lernen für ihre Klausuren verbrachten, konnten wir zu viert durch die Straßen und Parks Nanjings laufen, vorbei an zahlreichen Street Food Ständen, einen Fluss entlang an dessen Ufer Menschen Drachen steigen ließen und schließlich die alte Stadtmauer besteigen und erahnen, was sich hinter dem Smog wohl für Gebäude versteckten. Abends musizierten wir zusammen, ich hatte meine Ukulele mitgebracht und wir freuten uns sehr, die Lieder anzustimmen, die nur einmal im Jahr ertönen. Besonders interessant fand ich auch den Austausch über Nikolaus- und Weihnachtstraditionen und festzustellen, wie sehr sich diese doch in verschiedenen Teilen Deutschlands unterscheiden. Am Sonntag, dem 3. Advent bestieg ich mit Johanna die beiden Berge in der Stadt. Ich kann euch sagen, mit einer Geographiestudentin auf einen Berg zu gehen, eröffnet ganz neue Sichtweisen. Besonders auf die Steine. Leider war auch an diesem Tag die Luftqualität nicht sonderlich hervorragend, sodass wir trotz beträchtlicher Höhe den Ausblick auf die Stadt nicht wirklich genießen konnten. Am Wegesrand kaufte ich mir 糖葫芦 (Tanghulu), kandierte Früchte am Spieß, eine sehr traditionelle chinesische Süßigkeit. Auf dem Rückweg liefen wir am See entlang und dort lagen doch tatsächlich Optis auf dem Steg (für alle Nichtsegler: kleine Jolle, auf der auch ich als Kind segeln gelernt habe). Das hatte ich in China noch nicht gesehen. Am nächsten Morgen begleitete ich Johanna in ihre Vorlesung über die Herkunft und Entwicklung chinesischer Schriftzeichen, stöberte in der Unibibliothek in Büchern über chinesische Literatur und kaufte mir in der deutschen Bäckerei ein Brot. Was für ein Schatz! Nachdem ich mich im Haus von John Rabe über dessen Taten für die chinesische Bevölkerung während des Massakers von Nanjing belesen und Fotos verschiedenster händeschüttelnder deutscher und chinesischer Regierungschefs betrachtet hatte, musste ich mich schließlich meinen eigenen Hausaufgaben zuwenden. Es gäbe noch so viel mehr zu sehen in Nanjing, der Stadt, die lange Zeit chinesische Hauptstadt gewesen war, aber sie ist ja nun auch nicht allzu weit entfernt und es wird sich bestimmt in Zukunft noch einmal die Gelegenheit bieten, dorthin zurückzukehren.

Wieder in Wuhan angekommen fing ich so langsam an, für meine anstehenden Klausuren zu lernen. Aber wirklich nur langsam. Ich musste traurig erfahren, dass das Paket meiner Eltern mit Weihnachtssüßigkeiten auf dem Weg verloren gegangen war und nun war meine Sehnsucht nach Plätzchen groß. Zum Glück wusste ich, dass Ann-Sophie, eine Studentin aus Bad Oldesloe, einen Ofen hat. Wir verbrachten den gesamten Freitag damit, erst einzukaufen und dann in der Küche des Wohnheims drei Sorten Plätzchen zu backen, während wir zu Weihnachtsliedern mitsangen. Haferplätzchen, verzierte Ausstechplätzchen und Schwarz-Weiß-Plätzchen zauberten wir uns in die Keksdosen. Damit war der Advent nun doch fast wie zuhause. Und es schmeckte allemal ganz wie zuhause.

Am 22.12. wurde mit dem 冬至 der Winteranfang gefeiert. Ein Freund sagte mir, es sei Brauch an diesem Tag 饺子 (Jiaozi) zu essen, dann wird der Winter nicht kalt. Also genoss ich zum Abendessen in der Mensa die mit Fleisch und Kohl gefüllten Teigtaschen, bevor ich mich auf zur China University of Geosciences aufmachte, die sich direkt neben unserer Uni befindet. Ein Freund aus Afghanistan hatte mich eingeladen, dort zum Laternenfest zu kommen. Es würde Aufführungen von Studierenden geben und er sei einer der Moderatoren. Als ich dort ankam, war mein erster Gedanke, ich sei auf einem Weihnachtsmarkt gelandet. Überall leuchteten Lichter, viele Menschen wuselten umher und ich vernahm den Klang von Flöten. Es war natürlich kein wirklicher Weihnachtsmarkt, dessen Anblick mich dort erfreute, sondern das besagte Laternenfest. Zahlreiche von chinesischen wie internationalen Studierenden bemalte und beschriebene Laternen erhellten den Platz und luden zum Bestaunen und Fotografieren ein. Wie ich dort stand und staunte, so dachte ich mir: Diesen Anblick und diese Stimmung zu erleben, macht es wieder gut, dass ich Weihnachten dieses Jahr nicht zuhause feiern kann. Die chinesischen und internationalen Studierenden führten Tanz, Gesang, Wushu und Modenschau traditioneller chinesischer Gewänder auf und mein Freund Nusrat moderierte teils auf Englisch, teils auf Chinesisch. Nachdem ich mir alle Laternen angeschaut hatte, gingen wir gemeinsam mit einer Studentin aus der westchinesischen Provinz Xinjiang tatsächlich noch einmal Jiaozi essen. Sie lud mich ein, über die Winterferien mit ihr nach Hause zu fahren und so verlockend das klang, würde die Zeit nicht reichen, nach Xinjiang und Yunnan zu fahren. Und nach Yongping zurückzukehren und meine Freunde und Schüler wiederzusehen, war schließlich einer der Hauptgründe, der mich zurück nach China gezogen hatte. Genaues geplant hatte ich allerdings noch nicht.

Heiligabend rückte immer näher und ich spielte täglich auf meiner Ukulele „Es kommt ein Schiff geladen“, „Macht hoch die Tür“ und all die vielen Weihnachtslieder, deren Melodie ich in- und auswendig kann, aber deren Text ich doch jetzt als Erwachsene erst verstehe. Am Montagabend lud mich ein chinesischer Freund zum Essen ein. Mit einem komischen Gefühl betrachtete ich die viele Weihnachtsdeko in den Geschäften. Es standen zwar überall kleine geschmückte Plastiktannenbäume herum und durch die Lautsprecher tönten Weihnachtslieder, aber ich hatte das Gefühl, es lag keine Bedeutung darin. Eine Weihnachtstradition gibt es jedoch auch in China: Man schenkt sich Äpfel. Nach dem Essen entschieden wir uns, noch ins KTV zu gehen, da wir beide sehr gerne singen. Ich suchte nach Weihnachtsliedern, fand aber nur eine chinesische Version von Jingle Bells und eine merkwürdige Last Christmas Version. Also schaltete ich mein VPN ein und spielte deutsche Karaoke Weihnachtslieder von YouTube ab. Eines der zwei Mikros hielten wir an den Lautsprecher meines Handys, durch das andere sang ich „Kommet ihr Hirten“ und „Oh du fröhliche“. Es war ein sehr glücklicher Moment, in einer irgendwie so chinesischen Atmosphäre diese vertrauten Lieder zu singen und einem Freund die deutsche Kultur rund um Weihnachten vorzustellen. Im Gegenzug sang er für mich chinesische Kinderlieder zum chinesischen Neujahr. Singen verbindet doch über Kulturen hinweg.

Weihnachten ist in China nicht frei, warum sollte es auch? Bevor ich am Nachmittag des 24.12. zu meiner Vorlesung in Mathematische Methoden der Physik ging, überwand ich mich endlich mal, zum Friseur zu gehen. Man muss doch schließlich an Weihnachten gut aussehen. Zur Feier des Tages holte ich auch einmal mein Kleid aus dem Schrank. Ich verabredete mich mit einer chinesischen Kommilitonin und guten Freundin, nach der Vorlesung noch in den Park zu gehen. Ich nahm meine Ukulele mit und spielte ihr ein paar deutsche Weihnachtslieder vor. Es war gar nicht so einfach, die Texte zu übersetzen und die Bedeutung dahinter zu erklären. Ich hatte ihr eine plastikfreie Zahnbürste und ein paar selbst gebackene Plätzchen als Geschenk mitgebracht und war sehr überrascht, auch ein Geschenk zurück zu bekommen, eine wunderschöne Haarnadel und einen Brief. Ich bin sehr glücklich, Zhou Zhuoya als Freundin gefunden zu haben.

Auf dem Markt traf ich mich mit Ann-Sophie, wo wir Gemüse und Obst für unser Weihnachtsessen kauften. Wie sich herausstellte, haben wir sehr ähnliche Geschmäcker. So einigten wir uns schnell auf Apfel-Möhren-Salat, Kartoffeln, Blumenkohl und eine Paprika-Pilz-Pfanne. Dazu gab es noch aus Deutschland mitgebrachte Maggi Pfeffersoße. Unser Heiligabend war sehr glücklich und hatte eigentlich alles, was er so braucht. Wir genossen unser Weihnachtsessen, sangen gemeinsam Weihnachtslieder, schauten „Der vierte König“ (einer meiner Lieblingsweihnachtsfilme) und schufen uns sogar einen kleinen Gottesdienst, als ich die Weihnachtsgeschichte vorlas und wir traditionell als letztes Lied „Oh du fröhliche“ sangen. So hatte ich es doch geschafft, die Traditionen rund um Weihnachten auch in China auszutragen. Wie schon vor drei Jahren in Yunnan wurde mir wieder bewusst, dass Weihnachten sich durch ein Gefühl auszeichnet, ein Gefühl der Geborgenheit, Dankbarkeit und Glückseligkeit. Und dieses Gefühl ist nicht an einen Ort gebunden, sondern kann dort zu spüren sein, wo ich friedlich und fröhlich mit Freunden beisammen bin.

Natürlich wäre es schön gewesen, mit meiner Familie zusammen in Kiel vor dem Weihnachtsbaum Fondue zu essen, aber dank Videotelefonie konnte ich zumindest bei der Bescherung dabei sein und meinen Teil zum Weihnachtskonzert beitragen. Bis nachts um 1 Uhr habe ich noch als stummer Beobachter aus dem iPad heraus zugeguckt, wie meine Schwester ihre Geschenke öffnete, während meine Mitbewohnerin neben mir schon schlief. Als meine Oma mir am nächsten Tag erzählte, was sie geschenkt bekommen hatte, meinte ich: „Ich war doch dabei!“ Nun ja, es ist schon nicht das gleiche, nur als iPad am Tisch zu sitzen, aber nächstes Jahr werde ich ja wieder ganz echt und in Farbe dabei sein. Jetzt freue ich mich auf das chinesische Neujahr, welches dieses Jahr auf den 24.1. fällt. Ich freue mich besonders, weil ich es im kleinen Bergdorf mit James Familie feiern werde, wie schon vor drei Jahren. Ich werde berichten.

Ich wünsche euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr 2020!

One comment

  1. 新年快乐! Liebe Franka, vielen Dank für Deine schöne Schilderungen. Endlich hatte ich Zeit sie zu lesen, sehr bereichernd! Besonders beeindruckend finde ich, dass Du in der „Fremde“ kreativ Dein Bestes zu geben, um „heimisch“ zu fühlen. Das kenne ich aus eigener Erfahrung sehr gut. Zu Umweltschutz und Klimawandel: Es ist absolut richtig, dass jede/r sein Verhalten Klima-konform überdenken sollte und in die Tat umsetzen sollte. Jede/r einzelne kann viel tun, auch Dein Tun Mitmenschen aufzuklären, gehört dazu. Aber mit Pessimismus oder Traurigkeit sollte man den Tag nicht begegnen, denn wir können nur einen Beitrag für die Zukunft leisten, wenn wir positiv mit Intelligenz unsere Probleme in Klein und in Groß begegnen.
    Ein BBC-documentary mit dem Titel „world turned upside down“ kann ich Dir empfehlen.

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