Die kleinen Glücksmomente

Klausurenzeit ist immer eine Zeit mit zwei Gesichtern. Sie ist ohne Frage anstrengend, von früh bis spät sitze ich in der Bib und lerne, immer mit der Sorge, dass die Zeit nicht ausreicht, um alles zu wiederholen und daher entscheiden zu müssen, welche Inhalte und Methoden wohl die wichtigsten sind. Auf der anderen Seite hingegen ist die Klausurenphase auch eine sehr bereichernde Zeit, da ich nicht nur viel lerne (im Sinne von „study“), sondern eben dabei auch viel lerne (im Sinne von „learn“). Das Deutsche unterscheidet hier nicht. In den vergangenen Jahren und insbesondere in den letzten zwei Semestern war die Klausurenphase in Lübeck für mich mit wundervollen Momenten gefüllt. Tag für Tag fuhr ich in die Uni und saß dort stundenlang in der Bib oder in unserem Lieblingscontainer und habe mit meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen gelernt. Zusammen sind wir an schwierigen Fragen verzweifelt, haben neue Zusammenhänge entdeckt und die Aha-Momente gefeiert – und wir haben so viel gelacht wie sonst kaum im Semester. Wirklich, die Klausurenzeit muss nicht trist sein. Ich vermisse meinen Kommilitonen und unsere Abenteuer im Container. Diese Klausurenphase lerne ich allein. Ich könnte meine Kommilitonen fragen, ob sie mit mir lernen wollen, doch erst muss ich mir einen Überblick über die Inhalte schaffen und nun ja, dann steht auch schon die Klausur vor der Tür. Trotzdem gibt es auch in den letzten Tagen kleine Glücksmomente, die ich gerne mit euch teilen möchte.

Ich habe es lange herausgezögert, mit dem Lernen für meine zwei Klausuren anzufangen. Es war Weihnachten und ich kann mir meine Module, die ich hier belege, in Lübeck eh nicht anrechnen lassen, wozu also den Stress machen. Nun, wo Weihnachten vorbei ist, fällt mir auf, dass ich mich in Gedanken ganz auf meine Klausuren konzentrieren kann. Es war mir nicht bewusst, dass die Weihnachtszeit bei mir einen Druck erzeugt hatte, den ich erst jetzt merke, wo er mir nicht mehr auf den Schultern liegt. Ich hatte wohl den Anspruch, die Weihnachtszeit möglichst fröhlich und traditionsgetreu zu verbringen und diese Atmosphäre in China zu schaffen, erforderte einiges an Kraft. Ich will damit nicht sagen, dass ich keine schönen Weihnachten verbracht habe, denn wie ihr in meinem letzten Blogeintrag lesen konntet, war das bei Weitem nicht der Fall. Nun, wo ich für die Klausuren lerne, wird mir wieder bewusst, wofür ich studiere und dass ich gerne studiere und lerne. Ich bereue es wieder ein wenig, nicht früher mit dem Lernen angefangen zu haben. Nicht, weil mir die Zeit fehlt, den nötigen Stoff für die Klausuren nachzubereiten (was durchaus der Fall ist), sondern in erster Linie, weil ich gerne lerne und die Inhalte wirklich verstehen möchte, anstatt sie nur anwenden zu können. Zu Beginn des Semesters habe ich fleißig alle meine Vorlesungen nachbereitet, dazu bin ich später nicht mehr gekommen, als ich vor der Herausforderung stand, das Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz in meinen Alltag einzubinden. Die Balance zwischen Uni und Klimaschutz zu finden wird mich auch im nächsten Semester beschäftigen und ich bin gespannt, wohin mein Weg mich führen wird.

Nachhaltig leben, das bedeutet für mich nicht Verzicht im negativen Sinne, sondern geht mit einem bewussten Verzicht auf jene Dinge einher, die mit einem ressourcenschonenden und bewussten Leben nicht vereinbar sind, und gleichzeitig einem Gewinn an Wertschätzung für solche Dinge, die es sind. Nachhaltig leben bedeutet für mich einen Zuwachs an Zufriedenheit und Dankbarkeit durch ein Leben entlang meiner eigenen Werte. Nachhaltig leben bedeutet aber auch, nicht perfekt darin zu sein, sondern Schritt für Schritt Handlungen und Denkweisen zu ändern und sich über kleine Erfolge zu freuen. Wir brauchen nicht eine Handvoll Leute, die Nachhaltigkeit perfekt leben, sondern Millionen, die es unperfekt tun. Hab keine Angst, verzichten zu müssen, sondern fange da an, etwas zu verändern, wo es dir am leichtesten fällt. Scheitern wirst du nur dann, wenn du gar nicht erst anfängst. Trau dich.

Gestern habe ich meine Klausur in Theoretische Mechanik geschrieben. Nun ja, es hätte besser laufen können. Dankenswerterweise hat mir mein Professor eine englische Übersetzung zur Verfügung gestellt, da auch die Folien alle auf Englisch waren und ich daher die nötigen Vokabeln noch nicht sicher beherrschte. Ihr hättet den Blick der Aufsichtsperson sehen sollen, als sie das Blatt mit der Übersetzung auf meinem Tisch erblickte. Sie dachte wohl, ich hätte einen Spickzettel oder Ähnliches dort liegen. Nach der Klausur fuhr ich auf dem Markt vorbei und kaufte Gemüse bei meinem Lieblingshändler, der mich schon kennt und weiß, dass ich meinen eigenen Beutel dabeihabe und keine Plastiktüte brauche. Ich kaufte Tomaten, Paprika, Zwiebel, Frühlingszwiebel und Möhre, um mir zuhause Nudeln mit Tomatensoße in meinem kleinen Reiskocher zu kochen. Der Einfachheit halber brauchte ich gleich alles auf und kochte zwei Portionen. Den Rest verschloss ich in meinem praktischen Edelstahlbehälter, den ich mir im Onlineshop von „The Bulk House“ bestellt hatte, dem ersten Zero Waste Laden in Beijing. Als ich heute eine Pause von Lernen in der Bib einlegte, schnappte ich mir meine restlichen Nudeln, mein Besteckset, meine Thermoskanne gefüllt mir heißem Wasser sowie mein Sitzkissen und suchte mir ein überdachtes Plätzchen vor der Bibliothek, denn es regnete. An der frischen Luft durchzuatmen und dabei meine Nudeln zu essen, die zwar kalt, aber sehr lecker waren, machte mich sehr glücklich. Es sind die kleinen Glücksmomente wie dieser, die meinen Tag erhellen. Diese Situation mag nicht sonderlich besonders erscheinen, aber ich konnte meine vier Gegenstände wertschätzen und mich darüber freuen, wie ich mit ihrer Hilfe einen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit gehen konnte. Dabei hörte ich mir einen Podcast an, den ich euch sehr empfehlen kann. Er heißt „don’t waste, be happy – Nachhaltigkeit ganz einfach leben“ von Marijana Braune. Vielleicht hast du ja Lust, mal auf ihrem Blog www.dontwastebehappy.de vorbeizuschauen.

Heute Abend traf ich mich mit deutschen Studierenden der Wuhan Universität zum Hotpot essen. Ich hatte beim Kulturfest an ihrer Uni mitgeholfen und von den Einnahmen wollten wir nun gemeinsam essen gehen. Zu Silvester hatte ich mich mit den anderen beiden Stipendiaten der Studienstiftung in Wuhan getroffen, um gemeinsam zu kochen und das Jahr 2019 Revue passieren zu lassen. An dem Tag war ich mit der Ubahn zum Haus meines Freundes gefahren, musste aber von der Station noch ein ganzes Stück laufen. Die Ubahn war unglaublich voll, man wurde nur hineingeschoben und stand dicht an dicht gedrängt. Schon zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir: Hätte ich doch mal mein Fahrrad genommen. Besonders als ich schon gegen halb elf zurückmusste, um noch die letzte Ubahn zu erwischen, nahm ich mir vor, das nächste Mal mit dem Fahrrad zu fahren. Dazu kam noch, dass wohl in Wuhan ein unbekanntes Virus ausgebrochen war und nun alle Panik hatten, dass es sich um SARS handelte, was von offizieller Seite allerdings nicht bestätigt wurde. Ich stand also mit Maske in der überfüllten Ubahn und hatte die Nase voll. Als ich also heute vor der Situation stand, zur Wuhan Universität fahren zu wollen, griff ich zum Fahrrad. Es regnete zwar und kalt war es auch, aber ich bin ja nicht aus Zucker. Mit Regenhose und meinem Beutel mit den wichtigsten Dingen (Trinkflasche, Brotdose und Metallstrohhalm), den ich unter meiner weiten Regenjacke trug, machte ich mich auf den Weg. Aus meiner Jackentasche redete mein Navi mit mir auf Chinesisch und so fuhr ich 40 Minuten durch den Regen, einige Strecken entlang großer Straßen mit schlecht ausgebauten, zugeparkten oder gar nicht erst vorhandenen Radwegen, andere Strecken jedoch über Brücken entlang des im Regen ganz mystisch aussehenden East Lakes. Es war so viel besser, als Ubahn zu fahren und kalt war mir bei all der Bewegung wirklich nicht. Der Hotpot schmeckte köstlich und ich genoss den Austausch mit den anderen Studierenden. Auf der Heimfahrt führte mich das Navi entlang einer anderen Strecke, die noch schöner war als die der Hinfahrt. Kaum jemand war zu dieser Zeit im Regen noch auf den Straßen und ich hatte freie Fahrt. Ich überquerte den Ostsee auf einer Brücke, die rechts und links von in warmen Tönen beleuchteten Bäumen geschmückt war und fuhr ein Stück durch einen Wald auf einem spärlich beleuchteten Fahrradweg. Diese Strecke führte mich an weniger großen Straßen entlang und ich sah viele Orte, an die ich bei Gelegenheit gerne noch einmal bei Tageslicht zurückkehren wollte. Ich fühlte mich frei und glücklich, ich genoss den Nieselregen auf dem Gesicht und hätte mich nicht glücklicher schätzen können, mich heute für das Fahrrad entschieden zu haben. Fahrradfahren tut gut, dem Körper, der Umwelt und der Seele.

Ich möchte meiner Mutter danken, die all die Handlungsweisen, welche ich nun für mich entdecke und schätzen lerne, schon immer ganz selbstverständlich lebt. Sei es das Fahrradfahren, das Einkaufen auf dem Markt oder das Lesen. Ich verstehe jetzt, dass diese Art zu leben ein Glück mit sich bringt, wie ich es vorher noch nicht begriffen hatte. Weniger Dinge zu besitzen und diesen dafür mit mehr Wertschätzung zu begegnen, Dankbarkeit auszudrücken für meine Lebensumstände und die kleinen Glücksmomente, sowie bewusst Nachhaltigkeit zu leben – dies möchte ich im neuen Jahr 2020 verwirklichen. Schritt für Schritt, Tag für Tag. 天天开心。Happy everyday.

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