Im Nachtbus

Endlich Ferien.
Ich liege gerade im Nachtbus von Kunming nach Jinggu. Die Betten sind etwas schmal, aber für mich gerade lang genug. Im Fußteil stehen meine Schuhe, ein Beutel mit viel Obst, zwei Brotdosen mit Mantou und Keksen sowie zwei Trinkflaschen. Ich bin mit Halstuch, Mütze und Maske gegen die Klimaanlage gewappnet und zur Unterhaltung habe ich meine Kopfhörer und ein Buch in Griffweite. Ich würde sagen, ich bin gut vorbereitet. Nachtbus fahren ist ein spaßiges Abenteuer.

Gestern habe ich meine zweite und letzte Klausur für dieses Semester im Fach Mathematische Methoden der Physik geschrieben. Ich war noch nie so schlecht auf eine Klausur vorbereitet. Die ersten Monate habe ich noch immer fleißig nachbereitet, aber nach der Hälfte des Semesters gab es einen Professorenwechsel und danach gab es eben andere Dinge, die mich beschäftigten. Und das ist in Ordnung so. Ich habe für die Klausur das gelernt, was ich vorher schon einmal verstanden hatte und von dem ich wusste, dass es wichtig ist. Aber das Wichtigste für mich war auch gar nicht, gut abzuschneiden, sondern die Erfahrung, eine Klausur auf Chinesisch zu schreiben. Ich bin immer wieder zutiefst erstaunt, wie gut ich inzwischen mit Chinesisch zurechtkomme, insbesondere auf die Mathematik bezogen. Ich habe die vier Tage vor der Klausur jeden Tag von morgens bis abends in der Bib gesessen und die Vorlesungsinhalte wiederholt – auf Chinesisch. Es gibt einige Schriftzeichen in meinem Mathebuch, die ich nicht lesen kann, aber den Großteil verstehe ich doch. Ja, ich kann sogar ganze Sätze überfliegen und verstehe den Inhalt dabei. Chinesisch schreiben war noch nie meine Stärke, dennoch ich habe einen Großteil meiner Notizen auf Chinesisch verfasst. Ich mag die Klausur nicht gut bestanden haben, aber ich habe auf jeden Fall vieles aus der Vorlesung und dem Selbststudium mitgenommen.

Zu größtem Dank bin ich meinen Matheprofessoren verpflichtet, die mich stets unterstützt haben. Eine Woche vor der Klausur schrieb ich eine Email an beide Professoren, in der ich unter anderem die Sorge äußerte, einige Aufgabenstellungen nicht verstehen zu können. Die Antworten, die ich erhielt, waren so hilfsbereit und freundlich. Ich solle mir keine Sorgen machen, die beiden seien während der Klausur anwesend und ich könne doch am Anfang einmal alle Aufgabenstellungen durchlesen und dann unverständliche Stellen erfragen, sie würden mir dann gegebenenfalls ins Englische übersetzen. Des Weiteren bekam ich 30 Minuten Zeitverlängerung als Nachteilsausgleich.

Als ich am Dienstagmittag die Bib verließ, schien nach langer Zeit mal wieder die Sonne und alle meine Sorgen verflogen. Aus der Erfahrung konnte ich nur gewinnen, ganz gleich was ich für eine Note erhielt. Die Klausur war auf fünf Hörsäle und Klassenräume aufgeteilt. Ich ging erst in einen der kleineren Klassenräume, dort wurde mir aber relativ unfreundlich auf meine Nachfrage, wo ich denn sizten könne, von der Aufsichtsperson gesagt, wenn ich nicht auf der Liste stehe, solle ich doch in einen der größeren Hörsäle gehen. Die Aufsichtsperson dort war viel freundlicher und sagte mir, ich könne mich in die erste Reihe setzen, bot mir schließlich noch ihren Platz an, weil es doch direkt vor der Tür so zieht. Meine Professoren sprachen mich beide noch einmal an und versicherten mir, dass ich mehr Zeit bekäme und jederzeit Fragen stellen konnte. Die ersten 15 Minuten verbrachte ich damit, die Aufgabenstellungen zu lesen und einige unbekannte Wörter zu unterstreichen und dann nachzufragen. Aber es waren wirklich nur einige. Zum Beispiel konnte ich “elektrisch leitende, geerdete Kugel” nicht lesen. Aber die Aufgabe konnte ich eh nicht lösen. Die Klausur war auf zweieinhalb Stunden angesetzt, mitten in der Klausur wurde uns dann aber erst mitgeteilt, dass wir uns zuerst auf die einfachen Aufgaben konzentrieren sollten, da es etwas viele gab und dann wurde die Zeit für alle kurzerhand auf drei Stunden verlängert. Als die Zeit um war, rief der Prof dazu auf, den Raum schnell und leise zu verlassen. Ich hatte schließlich noch 15 Minuten länger Zeit. Laut wurde er besonders, als zwei Studentinnen direkt neben meinem Platz ihre Unterlagen rausholten und anfingen, sich über die Aufgaben zu unterhalten. Sie hatten mich nicht gesehen. Ich fand die Situation witzig. Nachdem auch meine Extrazeit um war, fragte mich mein Prof beim Rausgehen noch, was ich denn in den Winterferien vorhatte. Ich berichte ihm, dass ich nach Yongping in Yunnan zurückkehren werde, wo ich drei Jahre zuvor gelebt hatte. Und ich bedankte mich sehr für seine Hilfe.

Nun war es also geschafft. Mir fiel eine enorme Last von den Schultern, als ich das Gebäude verließ. Und obwohl ich einige Aufgaben in der Klausur gar nicht bearbeiten konnte, war ich sehr glücklich damit, wie es gelaufen war. Ich hatte mein Ziel erreicht, eine Klausur auf Chinesisch zu schreiben. Das ist alles, was zählt.

Nun ging es also ans Packen, denn tags darauf ging es für mich früh los. Wie packt man für eineinhalb Monate reisen? Noch dazu, ohne zu wissen, wohin einen die Reise verschlagen würde. Wie packt man noch dazu für eine möglichst plastikfreie und nachhaltige Reise? Ganz klar dabei: Brotdosen, Trinkflaschen, Stoffbeutel, Titanstäbchen, Metallstohhalmset, Sitzkissen, feste Seifen für Haar, Körper und Kleidung sowie möglichst wenig Kleidung. Ich hatte mir einen 50 Liter Wanderrucksack angeschafft und konnte alles darin verstauen.

Heute morgen klingelte mein Wecker um 5:30 Uhr und ich machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Zwischendurch kaufte ich mir noch Baozi als Proviant, die ich in meine Brotdose füllte. In einer anderen Brotdose hatte ich mir bereits am Vorabend aus der Mensa ein Mittagessen eingepackt. Ich hatte damit gerechnet, dass sie Schlangen beim Ticketabholen heute besonders lang sein würden, da viele Studierende bereits jetzt nach Hause fahren. Aber das war nicht der Fall. Eine junge Frau hinter mir in der Schlange wirkte so gestresst, dass ich ihr anbot, sich vor mich zu stellen. Erst nachdem sie mein Angebot dankend ablehnte, sah sie mich gründlich an und fragte erstaunt: Bist du Ausländerin? Ich fand die Situation sehr amüsant. Ich hatte mein Zugticket leider etwas spät gekauft und es gab schon fast keine Tickets nach Kunming mehr. Nur noch für die erste Klasse. So saß ich mit meinen Wanderrucksack und Brotdosen im erste Klasse-Abteil und fühlte mich ein wenig fehl am Platz. Eine der Zugbegleiterinnen (ich hab das mal nach dem Muster Flugbegleiterin übernommen, in China fühlt sich Zugfahren auch eher wie Fliegen an) sprach mich auf meine Fähigkeit mit Stäbchen zu essen an und wunderte sich, dass ich mein Essen kalt aß. Nach secheinhalb Stunden Fahrt, die ich mit lesen, essen und Podcast hören verbrachte, kam ich schließlich in Kunming an.

Ohne chinesischen Ausweis konnte ich online keine Bustickets vorbestellen, aber als ich James, meinem Linkteacher von damals aus Yongping davon berichtete, ließ er irgendwelche Kontakte spielen und organisierte mir ein Ticket für den 17 Uhr Nachtbus nach Jinggu. So rief ich am Busbahnhof angekommen eine Nummer an, die Frau erklärte mir am Telefon, ich solle auf irgendjemanden warten, und einige Zeit später kam ein Mann, der wohl an der Busstation arbeitete oder zumindest großen Einfluss hatte und mir an den Schlangen vorbei ein Ticket organisierte. Mit Beziehungen ist alles möglich. Wie schon Herr Lang, unser Chinesisch Grammatik Lehrer aus den Trier Sprachkursen sagte: 有关系没关系。没有关系有关系。Frei übersetzt: Wer Beziehungen hat, dem macht es (Probleme) nichts. Wer keine Beziehungen hat, dem macht es etwas aus (hat Probleme).

Nun liege ich also im Nachtbus und fahre in einen völlig ungeplanten Urlaub. Oder vielleicht ist es passender zu sagen, ich fahre nach Hause. Zweieinhalb Jahre sind vergangen, seit ich Yongping verlassen habe. Ich freue mich wahnsinnig darauf, die Menschen wiederzusehen, die mich damals durch meinen Freiwilligendienst begleitet haben. Genaues geplant habe ich nicht. Aber dafür ist China eh zu spontan, besonders auf dem Land. Ich werde einige Wochen in Yongping verbringen und das chinesische Neujahr mit James Familie feiern. Und dann werde ich mal sehen, wonach mir der Sinn ist. Aufregend wird es auf alle Fälle. Gegen zwei Uhr nachts werde ich in Jinggu ankommen. James holt mich dankenswerter Weise ab. Yongping ist nochmal eine Stunde Fahrt von Jinggu entfernt. Ich wünschte, ich könnte die Landschaft erkennen. Es hat sich bestimmt einiges verändert, seit ich das letzte Mal da war. Werde ich Yongping noch wiedererkennen als die kleine Stadt, die ich innerhalb eines Jahres lieben gelernt habe und inzwischen als zweite Heimat bezeichne? Ich werde berichten. Nun versuche ich erst einmal trotz der Aufregung zu schlafen. Gute Nacht.

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