Erinnerungen an jeder Straßenecke

2020/01/09

Ich werde aus dem Schlaf gerissen, als jemand neben mir an das Fenster des Nachtbusses klopft und ruft: wir sind da! Ich schaue auf die Uhr, es ist ein Uhr nachts. Die Fahrt ging doch schneller als erwartet. Draußen ist es stockdüster, aber dennoch kann ich die Formen des Busbahnhofes von Jinggu erahnen. Zweieinhalb Jahre ist es her, seit ich das letzte Mal hier war. Mit diesem Busbahnhof sind so viele Erinnerungen verknüpft, so viele Male bin ich nach Jinggu gefahren und jede Fahrt war ein Abenteuer für sich. Während ich darauf warte, dass James mich abholt, kommen einige dieser Erinnerungen zurück. Es ist aufregend, wieder in Jinggu zu sein. Und dann sehe ich James auf mich zukommen, kaum verändert seit unserem Abschied, und ich werde von Glücksgefühlen überschüttet. James hat damals so viel für mich getan und war ganz entscheidend daran beteiligt, dieses Jahr für mich so einzigartig und lehrreich zu gestalten. Damals haben wir uns nur auf Englisch unterhalten, doch nun sprechen wir erstmal eine Weile auf Chinesisch, während James mich die beleuchteten Straßen der Stadt fährt. Als wir dann die gewundenen Straßen in den Bergen Richtung Yongping fahren, kommt mir die Erinnerung in den Sinn, wie ich zum ersten Mal in genau diesem Auto mit James am Steuer diese engen Straßen entlangfuhr auf dem Weg in ein Abenteuer, welches ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht begreifen konnte. Nie hätte ich ahnen können, auf welche Weise mich dieses Jahr prägen würde. Ich erkenne an der Form des einen Berges, das wir gleich in die Straßen Yongpings einbiegen werden, noch bevor James mich darauf hinweist. Ich kann gar nicht mehr aufhören zu lächeln und mich umzuschauen, als wir an all den bekannten Orten vorbeifahren, die für mich mit so vielen Erinnerungen verknüpft sind. James lädt mich auf eine Portion 米线 (Mixian) ein und die Reisnudelsuppe wärmt nicht nur meinen Magen, sondern gleichsam mein Herz. 米线 war wohl die Speise, die ich an Yongping am meisten vermisst hatte. Nachts um drei liege ich endlich erschöpft, aber glücklich im Bett. James hat mich eingeladen, bei ihm zu wohnen, nachdem ich mich bei alten Bekannten erkundigt hatte, wer ein Bett frei hätte, da ich nicht wochenlang im Hotel wohnen wollte. Ich schließe die Augen und höre in der Ferne einen Hahn krähen. Erst jetzt wird mir bewusst, wie sehr ich Yongping doch vermisst hatte.

Als ich aufwache, ist es draußen noch ganz nebelig, obwohl es schon 9 Uhr ist. Auf dem Weg zum Frühstück gegenüber dem Schultor treffe ich auf einen Englischlehrer, dessen Klassen ich unterrichtet hatte. Er ist sehr erstaunt und erfreut, mich nach so langer Zeit wiederzusehen. Auf den ersten Blick hat sich an meiner Schule nicht viel verändert. Die Bauarbeiten, die drei Jahre zuvor noch im Gang waren, wurden fertiggestellt und nun gibt es auf dem Schulgelände endlich einen kleinen Park mit Sitzgelegenheiten. Außerdem wurden einige Infotafeln angebracht. Der Nudelsuppenladen, in dem ich ein Jahr lang jeden Morgen gefrühstückt habe, ist auch noch da. Die Verkäuferin ist zwar eine andere, aber die 米线 schmecken immer noch genau so gut wie eh und je. Ich laufe durch die Straßen Yongpings und an jeder Ecke kommen mir Erinnerungen hoch. Da ist der Supermarkt, in dem es meine Lieblingskekse gibt. Daneben der Kleidungsladen, in dem es Kleidung mit den aberwitzigsten falschen englischen Aufdrücken zu kaufen gibt. Wenn ich diese Straße entlanglaufen würde, käme ich zur Busstation. Dort vorne ist die Bäckerei, in der es die ekeligen künstlichen Sahnetorten gibt. Ich hole mir im “to the next station” einen Milchtee, natürlich in meinem eigenen Becher und laufe die Straße entlang, an der sich die Grundschule befindet. Ich halte Ausschau nach dem kleinen Laden, vor dem mich die Besitzerin jedes Mal so freundlich angesprochen hatte, wenn ich vorbei kam, mit der ich mich aber damals noch nicht wirklich auf Chinesisch unterhalten konnte. Und tatsächlich, dort sitzt sie mit einem Baby im Arm und erkennt mich sofort wieder. Ihre Tochter erblickt mich zuerst und ruft “Amerikaner!” Ich korrigiere sie und sie schaut ganz verdutzt, dass ich Chinesisch spreche. Ich werde gebeten, mich doch zu setzen und so reden wir eine Weile, tauschen uns aus, was in den letzten Jahren passiert ist und schwelgen in Erinnerungen an unsere letzten Begegnungen. Inzwischen hat sich eine kleine Gruppe von Grundschulschülern um uns gescharrt und schaut mich interessiert, aber schüchtern an. Schließlich breche ich auf mit dem Versprechen, bald wiederzukommen.

Auf dem hinteren Teil des Schulhofs hat sich nun doch einiges getan. Die Mensa, die während meines Aufenthaltes immer im Bau war, ist nun offen und die Schüler und Schülerinnen strömen gerade zur Mittagspause. Daneben wurden endlich die Emergency Shelters abgebaut, welche nach dem Erdbeben 2014 errichtet wurden und in denen zu meiner Zeit an der Schule noch immer viele Lehrer mit ihren Familien auf engstem Raum wohnten. Stattdessen entsteht dort nun ein neues Unterrichtsgebäude. Ich werfe noch einen Blick auf meine alte Wohnung und sehe von unten, dass die Vorhänge vor den Fenstern immer noch dieselben sind wie drei Jahre zuvor. Ich frage mich, wer dort nun wohl wohnt.

James Sohn, der vor ein paar Tagen erst nach Hause zurückgekehrt ist, begrüßt mich freudig und auch James Frau ist glücklich, mich zu sehen. Wir fahren zu einem Restaurant, in dem wir schon häufig waren, und essen gebratenen Yongping Fisch, den wohl besten Fisch auf der ganzen Welt. Die Sonne scheint und ich bereue ein wenig, kein kurzärmliges Tshirt angezogen zu haben. So lässt sich der Winter doch gut verbringen. Zum Fisch gibt es Mangosaft, den besten leckersten Jinggu Mangosaft, den ich damals so oft getrunken habe und nicht selten mit meinem Mangosaft an Trinkspielen teilgenommen habe, während die anderen Baijiu, also Reiswein tranken. Wie sehr habe ich diesen Geschmack vermisst. James warnt mich, nicht zu viel zu essen, wir würden gleich noch zu einem Freund fahren, um gebratenes Schwein zu essen. Aber dem herrlichen Geschmack des Yongping Fisch kann ich einfach nicht widerstehen und so esse ich fast alleine einen ganzen Fisch.

Das Haus des besagten Freundes liegt an einem Reservoir. Die Landschaft ist wunderschön, das Wasser still, ein leichter Wind weht, die Sonne scheint und es ist bis auf den Klang der Hühner und Ziegen sehr still. Es ist ein friedlicher Ort. Der Eingang eines Hauses neben dem Reservoir ist mit zwei Drachen geschmückt, welche Frieden über das Wasser bringen sollen. Auf einer Steintafel ist ein Gedicht eingekerbt:

远看山有色

近听水无声

春去花还在

人来鸟不惊

In der Ferne sieht man die bunten Berge

In der Nähe hört man die Stille des Wassers

Wenn der Frühling geht, sind die Blumen noch da

Wenn die Menschen kommen, haben die Vögel keine Angst.

Vor dem Frühlingsfest, dem chinesischen Neujahr, ist es Tradition, dass jede Familie ein Schwein schlachtet und viele Freunde und Bekannte zum Essen einlädt. Wer also viele Freunde hat, kann sich jeden Tag den Bauch vollschlagen mit frisch geschlachtet und anschließend gegrilltem Schweinefleisch. Denn davon gibt es bei diesen Gelegenheiten reichlich, an so einem Schwein ist ja auch viel dran. Als ich diese Tradition vor drei Jahren das erste Mal miterlebt habe, habe ich eine ganz neue Beziehung zu Fleisch entwickelt. Es macht einen großen Unterschied, ob man das Fleisch verpackt und anonym im Supermarkt kauft, oder ob man aber dieses Fleisch isst, Kopf und Gedärme noch neben sich liegen sieht, in dem Wissen, dass dieses Schwein das ganze Jahr über von der Familie aufgezogen wurde. Es wird auch alles vom Schwein gegessen, nicht nur das zarteste Fleisch. Dieses Jahr traue ich mich selbst an das pure, gebratene Stück Fett des Schweines heran. Dies ist ein so viel natürlicher Bezug zu Fleisch und aus meiner Sicht eine Erfahrung, die jeder Fleischesser einmal erleben sollte.

So sitzen wir also gegen 14 Uhr schon wieder am Essen und haben doch gerade erst Mittag gegessen. Das köstliche Fleisch ist aber ein so unwiderstehlicher Anblick und außerdem wäre es unhöflich, nicht zu essen. Um mich herum laufen zwei Hunde und jede Menge Hühner und Enten. Später sehe und höre ich an dem Klang einer Glocke, wie die Ziegen und Büffel zurück zu ihrem Stall ziehen. Wir jungen Leute legen eine Pause vom Essen ein und gehen hinunter ans Wasser, wo wir die ruhige Landschaft bewundern und unsere Hände im klaren Wasser schwenken. Die Frau von James lädt mich ein, Schwimmen zu gehen, aber ich habe keine Badesachen dabei. Die nächste Zeit wollen wir das aber nachholen. Im Januar anzubaden wäre auch mal eine Erfahrung, aber bei 20 Grad Außentemperatur gut machbar. Am See liegt ein Floß und wir klettern darauf. Wie sehr hätte ich Lust, hinaus zu paddeln. Ich schließe meine Augen und bin rundum glücklich.

Als wir zurückkehren, wird gerade das Abendessen vorbereitet und kurz darauf sitzen wir schon wieder am Tisch und essen Gemüse, kalte mixian und natürlich jede Menge Schwein. Von allen Seiten werden mir Worte der Sprache der Dai Minderheit beigebracht. Ich hatte drei Jahre zuvor schon einiges auf Dai gelernt, aber das meiste wieder vergessen. Eine Lehrerin neben mir, die mir immer geholfen hat, meine Unterrichtsunterlagen zu kopieren, lacht sich krumm, dass ich einen Laut nicht ausprechen kann, der für mich nach einem n klingt, aber für sie wohl meilenweit entfernt davon ist. Wie es sich gehört, sind die zahlreichen Schüsseln, die auf dem Tisch stehen, am Ende wieder genau so voll wie am Anfang. So zeigt die Familie ihren Gästen, dass genug zu Essen da ist. Ich bin so vollgefressen, dass ich ganz müde werde. Mir wurde heute schon so oft gesagt, dass ich so dünn geworden sei. Ich glaube, dass wird sich nach ein paar Wochen hier geändert haben. Ich habe schon jetzt wieder zwei weitere Einladungen zum Schwein essen erhalten.

Zurück an der 景谷二中, der Jinggu No. 2 Middle School, setzt James uns am Sportplatz ab. James Sohn ist ein guter Basketballspieler und bringt mir das Spielen bei. Ich war immer sehr schlecht im Basketball, aber nach einiger Zeit treffe ich immer häufiger den Korb. Mal zu dritt, mal zu sechst werfen wir mit drei Bällen gleichzeitig auf einen Korb. Es tut gut, sich zu bewegen und ich habe viel Spaß dabei. Erschöpft vom vielen Laufen gehen James Sohn und ich nach Hause, als die Lichter auf dem Sportplatz gegen acht Uhr ausgeschaltet werden.

Es klopft an der Tür und ich öffne. Vor mir steht ein Sportlehrer, der mich immer lustig gegrüßt und mir seine paar Worte Englisch zugerufen hat, wenn ich ihm begegnete. Er freut sich mindestens genau so, mich zu sehen, wie ich mich freue, ihn zu sehen. Wir sitzen bei einer Tasse Tee im Wohnzimmer und ich versuche, seinen starken Dialekt zu verstehen. Er ist etwas angetrunken, er kommt gerade vom 93. Geburtstag seiner Mutter, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich erzähle ihm, dass ich in Wuhan Wushu trainiere und er erzählt mir, dass sein Sohn begeistert Englisch lernt und zu den Besten in seiner Klasse gehört. Nach einiger Zeit klopft es wieder an der Tür und ein weiterer Sportlehrer betritt die Wohnung. Er kann Hochchinesisch sprechen und übersetzt mir fortan, wenn ich den Dialekt des anderen Lehrers nicht verstehe. Wir knabbern Nüsse und ich lerne neue Vokabeln und Ausdrücke dabei. James ruft aus der Küche, das Essen sei fertig und ich denke mir nur, wie jetzt schon wieder? Um halb elf nachts esse ich also die fünfte Mahlzeit des Tages. Es gibt geröstete Erdnüsse, Trockenfleisch, Hähnchen und Peking Ente, die James von seinem Ausflug nach Beijing vor einigen Wochen mitgebracht hat. Es gesellen sich noch zwei weitere Lehrer zu uns, eine neue Biologielehrerin sowie ein Geographielehrer, den ich damals sehr gerne gewonnen habe und welcher mir immer ins Hochchinesische übersetzt hatte, was die anderen so sagten. Wir tauschen uns aus, was in den letzten Jahren passiert ist, stoßen an auf unser Wiedersehen und essen nebenbei, bis ich schließlich vor lauter Müdigkeit schlafen gehe.

Ich war lange nicht mehr so glücklich wie am heutigen Tag. Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, an diesen Ort wiederzukehren, der mit so vielen prägenden Erinnerungen verknüpft ist und die Leute wiederzusehen, mit denen ich so viele dieser Erinnerungen teile. Ich habe heute zwar viel zu viel gegessen, aber darunter waren all meine vier Lieblingsspeisen in Yongping: Mixian, Yongping Fisch, Mangosaft und gegrilltes Schweinefleisch. Einige Leute verstehen nicht, wie ich Yongping als zweite Heimat bezeichnen kann, aber Heimat ist ein Gefühl und dieses Gefühl spüre ich heute wieder mehr denn je.

One comment

  1. Ich könnte heulen, wenn ich lese, wie du dich freust und wie sich all die anderen freuen, dich wiederzusehen. Unvergesslich! Deine zweite Heimat und ich wünsche dir, dass du noch oft dorthin zurückkehren kannst. Hab dich lieb, Oma

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